Der Gott mit den zwei Gesichtern


Erstes Halbjahr Lateinkurs: Hauptlektüre Livius, römischer Historiker mit hohem rhetorisch-literarischem Anspruch und deshalb kein ausgesprochen leichter Vertreter seines Faches.
Die Geschichte von Aeneas’ Flucht aus dem brennenden Troja, seiner Landung in Italien, von dem Brudermord, dem Raub der Sabinerinnen etc. verlief alles andere als friedlich; erst mit dem Romulus-Nachfoger Numa Pompilius entdeckten wir eine von Livius interessant gezeichnete Figur, die sich von den übrigen mit Kriegen und Intrigen durchsetzten Episoden der Frühgeschichte wohltuend abhob. Numa Pompilius, so Livius, galt als zweiter Gründer Roms; er habe Rom, das auf Waffengewalt (vi et armis) gegründet war, durch notwendige Rechte, Gesetze und Sitten (iure, legibus moribusque) erneut gegründet. Numa war der Meinung, das wilde Volk von Rom friedsam machen zu müssen, indem man ihm den Gebrauch der Waffen abgewöhnen müsse. „Daher errichtete er den Janus-Bogen, durch den Frieden und Krieg angezeigt werden sollten: Geöffnet sollte er anzeigen, dass der Staat kriegsbereit sei; geschlossen hingegen, dass man mit allen umliegenden Völkern in Frieden lebe.“
Eine merkwürdige Bestimmung und: Was sollte dieser eigenartige Brauch mit den geschlossenen bzw. geöffneten Türen? Man erklärte ihn mit einer Sage. Als die Sabiner zum Angriff gegen die römischen Truppen übergehen wollten und Tarpeja, die Römerin, dem Feind bereits den Zugang zum Kapitol verraten hatte, da sollen die sabinischen Angreifer von einer von Janus erweckten heißen Quelle, die plötzlich aus dem Boden ausbrach, aufgehalten worden sein. Zur Erinnerung an dieses Wunder stellte man nicht nur an dieser Stelle eine Statue des Gottes auf, sondern entschloss sich außerdem, einen Tempelbogen zu erbauen und dessen Türen offen zu lassen, wenn das römische Heer im Einsatz war, damit der Gott, der in Kriegszeiten solche Macht bewies, dem römischen Heer jederzeit zu Hilfe eilen konnte.
Janus – sein Name leitet sich von ianua (Durchgang, Tor) her und irgendwann vor langer Zeit lernten die Schüler am Leoninum Latein mit dem Unterrichtswerk Ianua linguae Latinae – war ein römischer Gott des Eingangs, Ausgangs und Durchgangs im räumlichen, zeitlichen und übertragenen Sinn. Das erklärt auch seine Doppelköpfigkeit. Er schaut auf Vergangenes und Künftiges, nach der Wintersonnenwende ist der nach ihm benannte Januar der erste Monat des neuen Jahres. Kein „olympischer“, wohl aber ein ganz besonderer und typisch römischer Gott. Die Römer sahen nämlich in allem, was für das Gedeihen der Gesellschaft lebenswichtig war, die Wirksamkeit göttlicher Mächte. Ein Haus ist nur so sicher wie seine Tür. Das Öffnen und Schließen der Tür und das Überschreiten der Schwelle aus dem Privatbereich des Hauses in den Lärm der Außenwelt und umgekehrt können für einen Menschen Vorgänge von entscheidender Bedeutung sein. Folglich glaubte man, dass sie in der Macht eines Gottes lägen, des Janus.
Topografische Lage des Bogens am Nordeingang des Forum Romanum an der Nordwestecke der Basilica Aemilia. Von dort aus führte eine Gasse (Argiletum), an der viele Geschäfte von Friseuren, Buchhändlern und Schuhmachern lagen, direkt zur Subura.
Der Tempel hatte die Form eines Tordurchgangs: Zwei einander gegenüberliegende Torbögen waren seitlich durch Mauerwerk verbunden, nach oben jedoch offen. In der Mitte des Bauwerks stand, unter freiem Himmel, der Gott mit seinen zwei Gesichtern, durch die beiden Tore hinausschauend. Diese konnten durch Flügeltüren verschlossen werden, so unter Kaiser Augustus, der den Ritus zu einem wichtigen Instrumentarium seiner Friedenspolitik machte.
Der Dichter Ovid verknüpft das ehrwürdige Alter der Bronzestatue und die Greisengestalt des uranfänglichen Gottes zu einer eindrucksvollen Erscheinung. Als er nach alter Sitte zu Anfang des Kalenderjahres den „zweigesichtigen Janus“ anrufen will, geschieht das Unerhörte. Der langbärtige Gott erscheint leibhaftig vor dem erschreckten Dichter, dem sich die Haare vor Entsetzen sträuben und die Brust in Eiseskälte erstarrt. Janus aber steht dem Dichter bereitwillig zur Verfügung, um in einem amüsanten Frage- und Antwortspiel dem „Interviewpartner“ prompt Auskunft über die traditionellen römischen Neujahrsgaben zu erteilen: Datteln, Feigen, Honigkuchen und das Neujahrsgeld.
Tatsächlich war es in Rom Brauch, sich am Neujahrstag mit allerlei Süßem zu beschenken. Süßes galt als gutes Omen, Süßspeisen sollten ein glücklich verlaufendes Jahr sichern, entsprechende Glückwünsche auf einem Täfelchen gehörten dazu: Annus novus faustus felix tibi sit (Ich wünsche dir ein glückliches neues Jahr). Der 1. Januar war ein hoher Feiertag: Die neu gewählten Konsuln traten ihr Amt unter feierlichen Opfern und Gebeten an. Nach Tagesanbruch legten sie in ihrem Haus die purpurgesäumte Toga an, empfingen die Glückwünsche von ihrer Klientel und den Senatoren und zogen dann, während alle Altäre rauchten, in Begleitung des Senats und des Volkes die Heilige Straße hinauf zum Kapitol, um dort Juppiter, dem höchsten Staatsgott, zwei weiße Stiere zu opfern. Danach ließen sie sich zum ersten Mal auf ihren elfenbeinernen Amtssitzen nieder und nahmen die Hochrufe und Glückwünsche der Bevölkerung entgegen. Bei schönem Wetter war das sicherlich ein farbenprächtiges, eindrucksvolles Spektakel.
Bei der Frage nach dem Sinn des Neujahrsgeldgeschenks holt der Gott etwas weiter aus und vergleicht die Vergangenheit mit der Gegenwart. „Wert hat heutzutage nur Geld: Vermögen schafft Ehrenämter und Freundschaften.“ Und dann kündet Janus überraschend weiter: „Wir loben die alten Jahre, aber wir erfreuen uns an den neuen!“
So doppelköpfig der Gott, so doppeldeutig die Rede. Der nostalgisch, alles verklärte Rückblick auf die gute alte Zeit, als Romulus noch in einer kleinen Hütte hauste, Iuppiter in einem beengten Tempel wohnte, Kultstätte aus Laub waren und Senatoren selber ihre Schafe weideten, löst sich auf in augenzwinkerndes Einverständnis mit der Gegenwart. Am Schluss der scheinbar so strengen Moralpredigt an eine profit- und konsumorientierte Wohlstandsgesellschaft steht ein Augurenlächeln. Macht sich Janus am Ende lustig über Romulus und Iuppiter und Senatoren? Der doppelköpfige Gott redet – wen wundert’s – mit zwei Zungen und drückt dabei doch nur den inneren Widerspruch einer Kulturpolitik aus, die den Römern das einfache Leben der Vorfahren predigte und zugleich Rom, wie Augustus stolz vermerkte, aus einer Ziegelstadt eine Marmorstadt gemachte habe. Ovids Herz schlug für die neue Zeit.
Auch Janus fährt fort, fast bis in die Gegenwart. Da war doch dieses merkwürdige Automobil, das in der Nachkriegszeit über deutsche Straßen tuckerte und dessen Insassen Rücken gegen Rücken saßen – der Janus von Zündapp.
Und vielleicht sind ja die Neujahrstäfelchen doch die Urahnen des Internets:
Annus Novus Faustus Felix Vobis Sit

Johannes Leifeld (Fachbereich Alte Sprachen)

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