Einblicke in die Welt der Literatur - Text des Monats Februar

Julia Franck: Streuselschnecke  (2000)

Der Anruf kam, als ich vierzehn war. Ich wohnte seit einem Jahr nicht mehr bei
meiner Mutter und meinen Schwestern, sondern bei Freunden in Berlin. Eine fremde
Stimme meldete sich, der Mann nannte seinen Namen, sagte mir, er lebe in Berlin,
und fragte, ob ich ihn kennen lernen wolle. Ich zögerte, ich war mir nicht sicher. Zwar
hatte ich schon viel über solche Treffen gehört und mir oft vorgestellt, wie so etwas
wäre, aber als es soweit war, empfand ich eher Unbehagen.
Wir verabredeten uns. Er trug Jeans, Jacke und Hose. Ich hatte mich geschminkt. Er
führte mich ins Café Richter am Hindemithplatz und wir gingen ins Kino, ein Film von
Rohmer. Unsympathisch war er nicht, eher schüchtern. Er nahm mich mit ins
Restaurant und stellte mich seinen Freunden vor. Ein feines, ironisches Lächeln zog
er zwischen sich und die anderen Menschen. Ich ahnte, was das Lächeln verriet.
Einige Male durfte ich ihn bei seiner Arbeit besuchen. Er schrieb Drehbücher und
führte Regie bei Filmen.
Ich fragte mich, ob er mir Geld geben würde, wenn wir uns treffen, aber er gab mir
keins, und ich traute mich nicht, danach zu fragen. Schlimm war das nicht, schließlich
kannte ich ihn kaum, was sollte ich da schon verlangen? Außerdem konnte ich für
mich selbst sorgen, ich ging zur Schule und putzen und arbeitete als
Kindermädchen. Bald würde ich alt genug sein, um als Kellnerin zu arbeiten, und
vielleicht würde ja auch noch eines Tages etwas Richtiges aus mir. Zwei Jahre
später, der Mann und ich waren uns noch immer etwas fremd, sagte er mir, er sei
krank. Er starb ein Jahr lang, ich besuchte ihn im Krankenhaus und fragte, was er
sich wünsche. Er sagte mir, er habe Angst vor dem Tod und wolle es so schnell wie
möglich hinter sich bringen. Er fragte mich, ob ich ihm Morphium besorgen könne.
Ich dachte nach, ich hatte einige Freunde, die Drogen nahmen, aber keinen, der sich
mit Morphium auskannte. Auch war ich mir nicht sicher, ob die im Krankenhaus
herausfinden wollten und würden, woher es kam.
Ich vergaß seine Bitte. Manchmal brachte ich ihm Blumen. Er fragte nach dem
Morphium und ich fragte ihn, ob er sich Kuchen wünsche, schließlich wusste ich, wie
gern er Torte aß. Er sagte, die einfachen Dinge seien ihm jetzt die liebsten – er wolle
nur Streuselschnecken, nichts sonst. Ich ging nach Hause und buk
Streuselschnecken, zwei Bleche voll. Sie waren noch warm, als ich sie ins
Krankenhaus brachte. Er sagte, er hätte gerne mit mir gelebt, es zumindest gerne
versucht, er habe immer gedacht, dafür sei noch Zeit, eines Tages – aber jetzt sei es
zu spät. Kurz nach meinem siebzehnten Geburtstag war er tot.
Meine kleine Schwester kam nach Berlin, wir gingen gemeinsam zur Beerdigung.
Meine Mutter kam nicht. Ich nehme an, sie war mit anderem beschäftigt, außerdem
hatte sie meinen Vater zu wenig gekannt und nicht geliebt.

(Heinz Koops)

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