Hieronymus oder die Kunst des Übersetzens

Das Bild Niccolo Antonio Colantonios „Hieronymus im Gehäuse“ zeigt den Kirchenvater mit goldenem Heiligenschein und in Mönchskutte, wie er völlig unerschrocken einem Löwen einen Dorn aus der Tatze entfernt. Die Szene wird in der mittelalterlichen Legenda Aurea erzählt und seit dieser Zeit ist das Raubtier in der bildenden Kunst ein festes Attribut des Heiligen. Dabei war er kein weltfremder, schüchterner Mann, sondern ein glühender Verteidiger des Glaubens, der zu allen Fragen des religiösen Lebens Stellung nahm, aber auch imstande war, seine Kollegen rigoros als Ketzer zu verunglimpfen. Neben Plautus und Cicero ist er unsere wichtigste Fundgrube für lateinische Schimpfwörter! Aber die Legende formte auch ihn um. Wenn sie von seiner inneren Gelassenheit spricht, dann rühmt sie eine Charaktereigenschaft, die er wohl gern gehabt hätte, die ihm aber nicht gegeben war. Der zahme Löwe im Vordergrund bedeutet vielleicht ein Wunschbild seiner selbst, eine nie ganz erreichte Bändigung seines Temperaments.

Hieronymus wurde in der römischen Provinz Dalmatien 347 geboren. Seine vermögenden Eltern schickten den Siebenjährigen mit der Absicht nach Rom, Grammatik, Rhetorik und Philosophie zu studieren. Er ließ sich bald taufen, ging in den römischen Osten, lebte als Eremit in Syrien, lernte Griechisch und Hebräisch, wurde dort zum Priester geweiht, studierte in Konstantinopel unter Gregor von Nazianz, wurde päpstlicher Sekretär in Rom. Im Alter von 40 Jahren ließ er sich in Bethlehem nieder, gründete dort ein Kloster und starb 420.

Hieronymus war ein umfassend gebildeter Mann und gerade durch seine vielfältigen Sprachkenntnisse eine Ausnahmeerscheinung seiner Zeit, mit der heidnischen Literatur natürlich bestens vertraut. In einem Brief (ep. 22) schildert er die berühmte Traumszene, in der ihn Gott als Weltenrichter für seine Beschäftigung mit Cicero rügt.

Die Hauptleistung des Heiligen Hieronymus ist auf jeden Fall die Herausgabe der lateinischen Bibel. Das Alte Testament übersetzte er völlig neu aus den Ursprachen Hebräisch und Griechisch. Das Neue Testament ist eine Überarbeitung älterer lateinischer Ausgaben mit vergleichender Übersetzung des griechischen Originals. Der sprachliche und inhaltliche Einfluss dieser „Vulgata“ auf die europäische Kultur kann nicht überschätzt werden und seit der Zeit Karls des Großen ist sie bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, also über 1000 Jahre für die römisch–katholische Kirche maßgebend gewesen. Hieroymus selbst verstand seine Schriftstellerei als einen Dienst am Wort und so wundert es nicht, dass ihn moderne Übersetzer zu ihrem Schutzheiligen erkoren haben. Seit 1991 feiern sie den Todestag des Kirchenlehrers, den 30. September, als den Internationalen Übersetzertag.

Zurück zum Bild: Der Betrachter sieht vor seinem geistigen Auge den Gelehrten nach der wundärztlichen Versorgung des Löwen an seinen Schreibtisch zurückkehren: Nicht allein das dort aufgeschlagene Buch, sondern die vielen umherliegenden Zettel auf dem Boden und auf Nebentischchen, mehrere Exzerpte an der Regalwand, eine Menge Lesezeichen in den ohne Ordnung übereinander gestapelten Büchern; Schachteln, Kästchen, Tintenfässchen, Stifte und eine Sanduhr zeigen das akribische Bemühen des Übersetzers. Der Maler scheint die Übersetzertätigkeit des spätantiken Kirchenvaters Hieronymus in seine eigene Gegenwart verlegt zu haben, in die Zeit der Frührenaissance. Und das erzeugt die innere Spannung, die diesem Bild eignet. Der Heiligenschein symbolisiert noch die göttliche Inspiration resp. den göttlichen Geist als Inspirationsquelle, aber um 1500 ist es philologischer Forscherdrang, der die Humanisten antrieb, allen voran Erasmus von Rotterdam, dessen griechische Ausgabe des Neuen Testaments vielleicht die Krönung seiner sprachwissenschaftlichen Leistung bedeutete. Die dargestellte Studierstube, das „Gehäuse“, gibt eine Vorstellung von jener filigranen, zeitintensiven textkritischen Arbeit, die notwendig war, Texte von jahrhundertealten Irrtümern und Abschreibfehlern zu reinigen. Den konservativen Gegnern seiner philologischen Pionierleistung wusste Erasmus zu erwidern, dass Gott durch grammatische Fehler zwar nicht beleidigt, aber doch auch wohl keine Freude daran haben werde. Für Luther war diese Ausgabe die Hauptquelle seiner bahnbrechenden deutschen Übersetzung des Neuen Testaments.

Das Übersetzen aus dem Lateinischen ist ein komplexes Unterfangen und unwillkürlich wird man an Goethes „Faust“ erinnert, wie er um die kontextbezogen sinnvolle Übertragung des griechischen Begriffs „Logos“ (im Prolog des Johannes–Evangeliums) buchstäblich ringt und sich nach „Wort“ und „Sinn“ und „Kraft“ letztlich für die „Tat“ entscheidet. Einen Vorgeschmack davon erfährt jeder Schüler, der das Leoninum besucht. Latein ist hier zweite Pflichtfremdsprache und die Erfahrung zeigt, dass bei der Erschließung des sprachlichen Sinns erhebliche Widerstände überwunden werden müssen. Die Sprache hat es in sich: Ihr Flexionsreichtum und die Freiheit der Wortstellung bedingen eine ungewohnte Variabilität der Satzmuster. Es hält sprachliche Hürden bereit, die zugleich pädagogische Vorzüge sind oder sein könnten. Im Verhältnis zu modernen europäischen Sprachen lässt das Lateinische vieles unausgedrückt; es fehlen Artikel, polysemantische Subjunktionen sind häufig; es ist wortarm und deshalb lexematisch vieldeutig; es spart durch Partizipialkonstruktionen aus, was grammatikalisch zum Beispiel durch Adverbialsätze mitgeteilt werden könnte u.s.w. Wer übersetzt, ist gefordert: Problemsensibilität, Gedankenfluss, geistige Flexibilität, analytische und synthetische Fähigkeiten, Bewertungsfähigkeit, schließlich die Fähigkeit zur Elaboration sind gefragt. Die Schüler werden natürlich an die Kunst des Übersetzens Schritt für Schritt herangeführt und ihre Übersetzungskompetenz steigt von Jahr zu Jahr, in den Kursen mit erhöhtem Anforderungsprofil bis zur Abiturprüfung, die in diesem Fach kontinuierlich sehr erfreulich ausfällt. Und darauf dürfen die Übersetzer zu Recht stolz sein!

Ach ja, die Sanduhr im Gehäuse des Hieronymus – es gibt sie noch. Ob Klassenarbeit oder Klausur, die Zeit läuft (davon). Tempus fugit.

Johannes Leifeld

Benutzte Literatur:

  • https://upload.wikimedia.org/wikipedia
  • Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel, Hg.: H. Hunger u. a., München 1975 (dtv).
  • Rudolf Pfeiffer: Die Klassische Philologie von Petrarca bis Mommsen, München 1982.
  • Lothar Müller: Die zweite Schöpfung, in: Süddeutsche Zeitung, 30.09./01.10. 2017, S. 18.

 

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Aktuelles, Latein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.