"Das hat sich wirklich gelohnt" - Der Abschluss der Comeniusprojekts

Gäste aus Tervuren in Belgien, Tours in Frankreich und Sosnowiec in Polen waren noch einmal nach Handrup gekommen, um gemeinsam noch einmal das Comeniusprojekt über den Ersten Weltkrieg Revue passsieren zu lassen.

Das Treffen begann mit einem von Pater Ricardo zelebrierten Wortgottesdienst zum Thema Freundschaft. Anschließend kamen Schüler und Lehrer in der Aula zusammen, um sich zusammen die Fotoausstellung über Kriegsgräber sowie die Poster zu den Biografien von Persönlichkeiten, die sich bereits während des Ersten Weltkrieges um eine europäische Zusammenarbeit bemüht haben, anzusehen und um einen Ausschnitt aus dem Hörspiel über den Weltkrieg zu hören.

Eingerahmt wurde die Veranstaltung von Fabian Makowski am Klavier. In seiner Begrüßung ging Franz-Josef Hanneken auf die besondere Rolle der Internationalität für das Leoninum ein. Er erinnerte daran, dass das Projekt sehr viel Aufmerksamkeit über die Schulgemeinschaften hinaus erfahren habe und er dankte allen Beteiligten. Dr. Thomas Kock stellte die unterschiedlichen Formen des Erinnerns in den verschiedenen Ländern in den Mittelpunkt seiner Ausführungen (siehe unten). Irmela Jeanson aus Tours und Ivona Kwiecién aus Sosnowiec betonten die langjährige Zusammenarbeit der Schulen und dass die Arbeit an diesem Projekt den Schülerinnen und Schülern nicht nur sehr viel Spaß gemacht habe, sondern sie auch für die unterschiedlichen Traditionen im Umgang mit der Vergangenheit sensibilisiert habe.  Martijn Sermeus aus Tervuren hoffte, dass es auch in Zukunft Gelegenheit geben werde, an gemeinsamen Projekten zu arbeiten. Dass sich die Arbeit sehr gelohnt hat, darüber waren sich alle Beteiligten einig.

Der Wortlaut der kurzen Ansprache von Dr. Thomas Kock:

„Wir möchten heute kurz auf unser gemeinsames Comeniusprojekt „Die Anfänge der europäischen Zusammenarbeit nach der Urkatastrophe des 1. Weltkriegs“ zurückblicken. Das was wir heute hier sehen – die Bilder von Kriegsgräbern, einige Biografien von Persönlichkeiten, die sich bereits in dieser Zeit um die europäische Zusammenarbeit bemüht haben – und das, was wir gleich hören werden, ein Ausschnitt aus dem von uns gemeinsam produzierten Hörspiel über den 1. Weltkrieg – ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt aus der Arbeit.
Als wir uns vor zwei Jahren mit vier Schulen – aus Tervuren in Belgien, aus Tours in Frankreich, aus Sosnowiec in Polen und aus Handrup – entschieden haben, dieses Projekt zusammen anzugehen, wussten wir sehr genau, dass es sich um ein sehr sensibles Thema handelt. Dies gilt insbesondere für die deutsche Sicht.
Der 1. Weltkrieg wurde 1914 maßgeblich von Deutschland ausgelöst und hat Millionen von Toten, Kriegsversehrten, Witwen und Waisen zurückgelassen, er hat die Kriegstechnik mit dem Einsatz von Maschinengewehren, von Giftgas, von Panzern oder von Flugzeugen im Krieg revolutioniert und damit die industrielle Tötung von Menschen eingeleitet, er hat Revolutionen in Russland und Deutschland ausgelöst, die das politische System grundsätzlich veränderten und seine Folgen reichten bis zum Zusammenbruch der UdSSR 1989/90.Wenn man so will, waren auch der 2. Weltkrieg und der folgende Kalte Krieg Auswirkungen des 1. Weltkriegs und von daher ist der Begriff der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ vollauf berechtigt.
Im Mittelpunkt des Projektes standen die Besuche von Schülergruppen in den einzelnen Partnerschulen. Ich selber habe Schüler nach Tervuren und nach Tours begleitet, Meik Matzki und Matthias Ostendorf waren in Sosnowiec.
Belgien war das erste Land, das Deutschland – völkerrechtswidrig – überfallen hat, um gemäß eines geheimen Militärplans, dem Schliefen-Plan, Frankreich von Norden her angreifen zu können. Für mich sehr beeindruckend war die Stadtführung durch Löwen. Eindringlich wurde hier deutlich, wie bestialisch sich die deutsche Herrschaft in Belgien ausgewirkt hat: Hunger – Zwangsarbeit – willkürliche Erschießungen – brennende Häuser – eine mutwillig angezündete Universitätsbibliothek, alles das sind Ereignisse, die im kollektiven Gedächtnis der Deutschen heute kaum eine Rolle spielen. Ganz anders in Belgien. Wir sind mit dem Bus durch Flandern gefahren, wo die Soldatenfriedhöfe, die Spuren der Stellungskriege allgegenwärtig sind.
Das Verhältnis Deutschland – Frankreich war in der Neuzeit eigentlich fast immer extrem belastet. Zwischen 1871 und 1945 kommt es zu drei Kriegen. Der 1. Weltkrieg lebt in der Erinnerung fort durch die Schützengräben von Verdun, durch das sinnlose Sterben der Soldaten im Kampf um wenige Quadratmeter, Stellungskrieg nennt man das. So grenzt es heute fast an ein Wunder, das die deutsch-französischen Beziehungen sich nach dem Krieg so entwickelt haben, wie sie für uns heute selbstverständlich sind. Franzosen und Deutsche bezeichnen sich in Umfragen heute gegenseitig als verlässlichsten Partner.
Ein ähnliches Verhältnis würde ich mir auch zu Polen wünschen und ich bin mir sicher, dass das auch kommen wird. Vieles ist hier in den letzten Jahren auf einem guten Weg. Für Polen spielt der 1. Weltkrieg in der Erinnerung eine ganz andere Rolle als in Deutschland. Folge des Krieges war, dass Polen, nachdem das Land drei Mal von Preußen, Österreich und Russland geteilt worden war, endlich als eigene Nation wiedererstehen konnte. Polen wurde endlich wieder selbstständig, wenn auch nur kurz, bis 1939 im Anschluss an den Hitler-Stalin-Pakt Polen erneut geteilt wird. Die Deutschen versuchen, die Polen zu versklaven, viele Menschen mit Universitätsabschluss werden umgebracht und dort werden die Vernichtungslager baut, von denen Auschwitz nur das berühmteste ist. Von daher ist es für mich immer völlig unerträglich, wenn in Deutschland vielen Menschen in Bezug zu Polen immer noch nur Polenwitze einfallen, auch dies ist eine Form von Rassismus.
Diese unterschiedlichen Formen der Erinnerung zu diskutieren, war die Hauptaufgabe unseres Projekts. Ausdruck gefunden hat das u.a. in dem gemeinsam erstellten Hörspiel, in dem vier fiktive Familien aus den Partnerregionen den 1. Weltkrieg erleben. Die Schülerinnen und Schüler haben dazu die Biografien der Familienangehörigen geschrieben, Dialoge verfasst und das Hörspiel gemeinsam aufgenommen. Es steht auf unserer Homepage online.
Heute möchte ich mich bedanken:
– bei den Kolleginnen und Kollegen aus allen vier Schulen, die engagiert und weit über ihre normalen Verpflichtungen hinaus gemeinsam an dem Projekt gearbeitet haben,
– bei den Schülerinnen und Schülern, die sich auf das Thema eingelassen haben. Ich hoffe, es sind durch das gemeinsame Tun Beziehungen entstanden, die auch über die Projektarbeit hinaus Bestand haben,
– bei der Ems-Vechte-Welle, die es uns ermöglicht hat, in ihrem Radiostudio unser Hörspiel zu produzieren,
– aus Handruper Sicht: bei der Schulleitung. Wir haben die internationalen Kontakte nicht nur als wesentlichen Punkt im Leitbild der Schule stehen, sondern die Schulleitung unterstützt diesen Austausch, wo sie nur kann. Dafür Danke.“DSC_0087DSC_0102

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