Peter Spiegel im "Handruper Forum"

„Social Business ist keine Wohlfahrt.“

Zum Referenten:
Peter Spiegel,
Geschäftsführer des „Genisis Institute
for Social Business and Impact Strategies“

Als der aus Bangladesh stammende Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus nach der Unabhängigkeit seines Heimatlandes aus den USA zurückkehrte und sich mit den Folgen der Armut konfrontiert sah, führte dies zu einer bitteren Erkenntnis: Sein gesamtes ökonomisches Wissen, das der 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Yunus erworben hatte, erwies sich für die Bekämpfung der Armut als nutzlos. Im Gegenteil, die bekannten Konzepte machten die Reicher noch reicher, die Armen noch ärmer. Wollte man etwas ändern, so musste man eine Revolution anzetteln, nicht im politischen, wohl aber im wirtschaftlichen Sinne. „Social Business“, so nennt sich diese neue Denkrichtung.


Im Rahmen des 27. Handruper Forums sprach Peter Spiegel (4. v. links) über das Thema „Social Business“. Seinen Ausführungen folgten auch der stellvertretende Schulleiter Paul Wöste, Handrups Bürgermeister Josef Stockel, Schulleiter Franz-Josef Hanneken, Erster Kreisrat Reinhard Winter, Leitender Regierungsschuldirektor Bert Märkl, Pater Rektor Olav Hamelijnck sowie Lutz Birkemeyer vom Generalvikariat Osnabrück (v. links).

 
Doch wie realistisch ist eine Revolution der Wirtschaft zum Dienst am Menschen? Auf diese und andere Fragen ging im Rahmen des 27. Handruper Forums am 6. Juni 2011 Peter Spiegel, Geschäftsführer des „Genisis Institute for Social Business and Impact Strategies“ in seinem Vortrag ein, den er im Rahmen des Handruper Forums in der Aula des Gymnasiums Leoninum hielt. Als einen „prominenten Vertreter dieser neuen wirtschaftlichen Denkrichtung“ hatte Schulleiter Franz-Josef Hanneken den engen Vertrauten des Friedensnobelpreisträgers Yunus vorgestellt. Spiegel merkte man in seinem Vortrag die Begeisterung und die volle Überzeugung an, mit der er dieses erst seit wenigen Jahren auch in Deutschland bekannte Konzept nach außen hin vertritt. Klar und eindeutig formulierte er: „Social Business ist keine Wohlfahrt – Social Business ist ein Unternehmen, das Geld verdienen will.“ Allerdings werde ein solches „Sozialunternehmen“ allein zu dem Zweck gegründet, „brennende soziale Herausforderungen zu beheben“. Spiegel verwies hier auf die Armutsüberwindung, eine angemessene medizinische Grundversorgung, den freien Zugang zu sauberer Energie und Wasser sowie die Gewährung von Finanzmitteln. Bei Social Businesses erhielten die Investoren keine Dividende für ihre Einlagen, sondern die Gewinne würden reinvestiert.

 

Spiegel verwies im Verlauf seiner Ausführungen auf die verschiedensten Beispiele in unterschiedlichsten Ländern und untermauerte den Erfolg dieses Konzeptes anhand beeindruckender Zahlen. So würden mittlerweile mehr als eine halbe Milliarde Menschen in 150 Ländern vom System der sogenannten Mikrokredite profitieren. Die Rückzahlungsquoten seien durchweg besser als bei den etablierten Banken. In der New Yorker Bronx betrage sie beispielsweise 99 Prozent. Da man von den Bedürftigen aber keine Sicherheiten verlangen könne, gebe es keine Einzelkredite, sondern das Geld würde an aus fünf Personen bestehende Gruppen ausgezahlt. „Die einzelnen Mitglieder unterstützen, beraten und helfen sich dann gegenseitig“, erklärte Spiegel, der eindringlich davor warnte, die Fähigkeiten vieler armer Menschen zu unterschätzen. Muhammad Yunus habe dies vor Jahren deutlich gemacht, als er bei einer Veranstaltung eine Reihe hochrangiger Bankiers gefragt habe, wer sich denn von diesen in der Lage sehe, die eigene Familie mit einem Tageseinkommen von einem Dollar zu ernähren.

Dass soziales Denken keinesfalls den wirtschaftlichen Erfolg behindern muss, machte Spiegel am Beispiel der indischen Aravind-Augenkliniken deutlich. Diese hätten die Kosten für eine Operation des „Grauen Stars“ nicht nur um 95 Prozent senken können, sondern würden 60 Prozent ihrer Dienstleistung sogar verschenken. Dennoch gehörten die Kliniken zu den führenden in der Welt und seien hinsichtlich der Qualität „weltweit die Nummer eins“.

Peter Spiegel machte sich die Position des im vergangenen Jahr verstorbenen indischen Wirtschaftswissenschaftlers C.K. Prahalad zu eigen, der Unternehmen dazu aufgefordert habe, die Armen als Kunden nicht aus den Augen zu verlieren, da es auf diesem Gebiet ungeahnte Möglichkeiten für Unternehmen gebe. Allerdings, so führte Peter Spiegel aus, müssten Geschäftsmodelle, die an der Armutsgrenze funktionieren sollten, „wesentlich kostengünstiger sein, als es jetzt vielfach der Fall“ sei. Erste Kooperationen gebe es bereits, erklärte Spiegel und verwies dabei unter anderem auf die Zusammenarbeit des Lebensmittelkonzerns Danone mit Muhammad Yunus, deren Ziel die Entwicklung eines ebenso günstigen wie nahrhaften Joghurts sei. Man brauche für derartige Innovationen letztendlich „nur gesunden Menschenverstand, aber keine Experten“. Auch wenn das Konzept der Sozialunternehmen viele Probleme werde lösen können, so Spiegel abschließend, werde man aber nicht umhinkönnen, die Politik außen vor zu lassen, denn diese müsse gegebenenfalls den Unternehmen auch Grenzen aufzeigen.

Hermann-J. Rave

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