Prof. Dr. Ludwig Hagemann im “Handruper Forum”

Der Islam – Was der Westen lernen muss

Zum Referenten:
Prof. Dr. Ludwig Hagemann
Lehrstuhl für Systematische Theologie und
Religionsgeschichte an der Universität Mannheim

(Zu diesem Abend existieren nur mehr Manuskripttexte)

Begrüßung durch P. Dr. H. Wilmer SCJ, Schulleiter

Sehr geehrte Damen und Herren!
Sehr geehrte Eltern!
Liebe Schülerinnen und Schüler!
Verehrte Kolleginnen und Kollegen!
Liebe Mitbrüder!

Seit einigen Jahren ist das „Handruper Forum“ eine feste Größe im Schulalltag des Gymnasiums Leoninum. Ziel ist es, Schüler, Eltern, Lehrer und Öffentlichkeit zu einer aktuellen und relevanten Thematik ins Gespräch zu bringen.

Für die diesjährige Winterveranstaltung haben wir ein politisch-religionswissenschaftliches Thema gewählt und für heute Abend Herrn Professor Dr. Ludwig Hagemann gewinnen können. Professor Hagemann ist Ordinarius für Systematische Theologie und Religionsgeschichte an der Universität Mannheim. Er stammt gebürtig aus Niederlangen im Emsland und studierte nach dem Abitur in Meppen Philosophie und Theologie, Arabistik und Islamwissenschaft in Frankfurt, Tübingen, Münster, Beirut und Kairo. Zwischen seinem ersten Buch „Der Koran in Verständnis und Kritik bei Nikolaus von Kues“ und seinem jüngst erschienen Werk „Christentum contra Islam – Eine Geschichte gescheiterter Beziehungen“ gab es zahlreiche Veröffentlichen, die zum Teil auch in mehrere Sprachen übersetzt worden sind.

Herr Professor Dr. Hagemann, wir sind froh und stolz, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind und ich heiße Sie hiermit sehr herzlich willkommen.

Ebenfalls begrüße ich die Herren Stadt- und Samtgemeindedirektoren sowie die Bürgermeister des Einzugsgebietes der Schule. In diesem Zusammenhang heiße ich die Bürgermeister unserer Samtgemeinde Lengerich herzlich willkommen. Stellvertretend für sie begrüße ich unseren Bürgermeister aus Handrup, Herrn Josef Stockel.

Mein Willkommensgruß gilt den Abgeordneten aus dem Kreistag, aus dem Landtag und aus dem Bundestag. Ich freue mich über die Anwesenheit unseres ehemaligen Dezernenten der Bezirksregierung Weser Ems, Herrn Claus Lanfermann. Die Mitglieder des Rotary-Clubs Lingen heiße ich ebenfalls herzlich willkommen.

Herzlich begrüße ich auch den Rektor des Herz-Jesu-Klosters, Pater Johannes Strieker, die Dechanten und Pastöre aus den umliegenden Pfarreien, sowie die Schwestern und Mitbrüder. Besonders freut es mich, in diesem Zusammenhang auch unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu begrüßen, mit denen uns der Glaube an den einen Gott, den Schöpfer und Erhalter der Welt, vereint.

Willkommen heiße ich alle Eltern, die Ehemaligen unserer Schule, alle Schülerinnen und Schüler, Kolleginnen und Kollegen sowie die Vertreter der Presse. Stellvertretend für die Presse begrüße ich Herrn Willy Rave sehr herzlich.
Zu danken habe ich seinem Sohn, Herrn Hermann-Josef Rave, Lehrer für Englisch und katholische Religion am Gymnasium Leoninum. Sie, Herr Rave, hatten die Idee und stellten die Kontakte zu Herrn Professor Hagemann her. Für Ihre Vermittlertätigkeit herzlichen Dank!
An dieser Stelle möchte ich einem weiteren Kollegen sehr herzlich danken, der sich seit langem mit großem Einsatz für ein regelmäßiges Zustandekommen des Handruper Forums engagiert hat, nämlich Herrn Studiendirektor Paul Wöste. Herzlichen Dank für die Mühe!

Herr Professor Hagemann, wir haben uns nach dem 11. September in Handrup bewusst für dieses Thema entschieden, weil wird der Überzeugung sind, dass wir erst dann einander Nächste werden, wenn wir bereit sind, die Straße zu überqueren, aufeinander zuzugehen. Es gibt zu viele Trennungslinien zwischen linkem und rechtem Straßenrand: zwischen schwarzen und weißen Menschen, zwischen Jungen und Alten, Kranken und Gesunden, zwischen Menschen in Südamerika und Menschen in Europa, zwischen Juden und Heiden, Muslimen und Christen. Es gibt viele Straßen und Trennungslinien, die überquert werden müssen. Wir sind viel mit uns beschäftigt und sehen nicht bis zum anderen Straßenrand. Wir haben unsere eigenen Leute, zu denen wir gehen und unsere eigenen Angelegenheiten, um die wir uns kümmern. Dieser Abend soll dazu dienen, die Straße zu überqueren, den Blick hoch zu nehmen und danach zu schauen, was auf der anderen Seite passiert, damit wir einander Nächste werden.

Uns allen wünschen ich zum Vortrag „Was der Westen über den Islam lernen muss“ einen anregenden Abend, Herr Professor Hagemann, Sie haben das Wort.

Prof. Dr. Ludwig Hagemann



Vortrag Prof. Dr. Ludwig Hagemann
„Der Islam – Was der Westen lernen muss“

Gliederung des Vortrags:

1. Die Idee der Einheit als Fundament des Islam

a) Die Religion als staatstragende Kraft

b) Ein Gott – eine Religion – eine Gesellschaft

2. Das zentrale Glaubensbekenntnis

a) „Es gibt keine Gottheit außer Gott“
•Zur religiösen Situation auf der arabischen Halbinsel im 7. Jahrhundert n. Chr.
•Wider den altarabischen Polytheismus
•Widerstand gegen Juden und Christen
•Gottes Transzendenz und Immanenz

b) „ … und Muhammad ist sein Gesandter“
•Charisma und Macht
•“Siegel der Propheten“ (Koran 33,40)

3. Der Koran: Gottes letztes Wort
•Inlibration: Buchwerdung von Gottes Wort
•Die „Entwestlichung des Wissens“

4. „Dir sind wir ergeben“

Vortragstext:

1. Die Idee der Einheit als Fundament des Islam

a) Die Religion als staatstragende Kraft

„Nur unwissende Frömmler“, so predigte einst Ayatollah Khomeiny vor dem Hadjdj, der alljährlichen Wallfahrt nach Mekka, „nur unwissende Frömmler sehen im Hadjdj eine Zeit des Gebetes und der frommen Riten. Nur diese meinen, der politische Kampf gegen Frevler und Tyrannen entweiht das Gotteshaus“ (1). Damit hatte Khomeiny etwas ausgesprochen, was für den Islam von seinem Ursprung, seinem Selbstverständnis und Anspruch her typisch ist: die innere Verflechtung von Religion und Politik mit ihren Auswirkungen auf Tagespolitik, Lebensordnung und Lebensgestaltung(2). Religion ist also nie Privatsache, vielmehr Politik tragende und sie inspirierende Kraft. Sie prägt nicht nur das Individuum, sondern auch die Gesellschaft, sie ist staatstragende Kraft. Der Islam als die Religion der bedingungslosen Hingabe an Gott, der vorbehaltlosen, totalen Unterwerfung unter seinen Willen, – das sagt ja das Wort „Islam“ – der Islam beansprucht nämlich, den ganzen Menschen in allen Bereichen seines Lebens zu erfassen und durch Vorschriften und Verhaltensmuster zu regeln. Die islamische Lebensordnung beinhaltet nicht nur verbindliche Glaubenssätze, sondern ebenso sittliche Gebote und Verbote als Norm des Handelns, ferner das Leben des Einzelnen, der Familie und der Gemeinschaft normierende Weisungen sowie die verschiedenen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und der internationalen Beziehungen regelnde gesetzliche Bestimmungen. Allen diesen Vorschriften hat sich der Mensch in unbedingtem Gehorsam gegenüber dem souveränen Willen Gottes zu unterwerfen, sie als gottgewollte Normen und Verpflichtungen anzunehmen und zu erfüllen. Denn: „Gott sagt die Wahrheit, und Er führt den (rechten) Weg“ (Koran 33,4)(3). Er ist der sicherste Garant für die beste Rechtleitung der Gläubigen.

b) Ein Gott – eine Religion – eine Gesellschaft

Die Idee der Einheit als Fundament des Islam spiegelt sich in der offenbarungstheologischen Konzeption des Korans wider. Alle Propheten, so die Auffassung, verkünden grundsätzlich ein und dieselbe Botschaft: „Es gibt keinen Gott außer mir. Dienet mir!“ (Koran 21,25)(4). Diese Botschaft richtet sich an alle Völker ohne Ausnahme, denn zu jedem Volk hat Gott Propheten gesandt (Koran 16,36). Die zu allen Zeiten in sich identische Botschaft der Propheten hat ihren Grund in der Einheit und Einzigkeit Gottes. Weil Gott einer ist, kann es nur eine einzige Offenbarung geben, deren Selbigkeit Gott garantiert. Ihrerseits steht sie ganz im Dienst an der Einheit der Menschheitsfamilie. Ursprünglich waren die Menschen nämlich eine im Glauben und im Gehorsam geeinte Gemeinschaft. Aber im Laufe der Zeit hat sich diese Menschheitsgemeinschaft aufgrund des Unglaubens der späteren Generationen in verschiedene Gruppierungen und Parteiungen zerspalten. Aufgabe der Propheten ist es nun, zu dieser ursprünglichen Einheit zurückzuführen: Einheit Gottes – Einheit der Religion – Einheit der Gesellschaft. Diesem Anliegen dienten Mose, der Verkünder der Thora, und Jesus, der Verkünder des Evangeliums. Dementsprechend sah Muhammad seine Botschaft in Kontinuität stehen mit eben diesen früheren Offenbarungsschriften Thora und Evangelium (Koran 6,92; 3,84). Die Einheit der göttlichen Offenbarung wird durch die Vielheit der Offenbarungsschriften – Thora, Evangelium, Koran – nicht gefährdet oder geschmälert, sondern durch ihre inhaltliche Identität nachdrücklich bestätigt. Weil Gottes Offenbarung grundsätzlich immer ein und dieselbe ist, gibt es letztlich auch nur eine sich auf verschiedenste Weise explizierende Religion. Diese Einheit der Religion gilt es zu wahren: „Er hat euch als Religion verordnet, was Noah aufgetragen hat, und was Wir dir offenbart haben, und was Wir Abraham, Mose und Jesus aufgetragen haben: Haltet die (Bestimmungen der) Religion ein und bringt keine Spaltungen hinein …“ (Koran 42,13). Denn – so heißt es im Koran: „Gott ist unser und euer Herr“ (Koran 42,15) und: „Unser Gott und euer Gott ist einer“ (Koran 29,46).

2. Das zentrale Glaubensbekenntnis

a) „Es gibt keine Gottheit außer Gott …“

Die Mitte, das Herz des Islams, ist der Glaube an Gott: „Ich bezeuge: Es gibt keine Gottheit außer Gott …“, so lautet der erste Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses.
Von Gottes Einheit und Einzigkeit Zeugnis abzulegen, gehört zu den Grundpflichten eines Muslims. Dieses Glaubenszeugnis ist ein Widerhall von Gottes Zeugnis selbst: „Gott bezeugt, daß es keinen Gott gibt außer Ihm“, heißt es in Koran 3,18. Gott selbst steht also ein für die Wahrheit des monotheistischen Glaubens. Festgeschrieben im Koran, dem hl. Buch der Muslime, begleitet diese Wahrheit die Muslime durch ihr ganzes Leben, beginnend mit der Geburt, wenn dem Neugeborenen diese Wahrheit ins Ohr geflüstert wird, bis hin zum Tod, wenn der Sterbende zum letzten Mal diese Wahrheit auszusprechen in der Lage ist.

• Zur religiösen Situation auf der arabischen Halbinsel im 7. Jahrhundert n. Chr.
Dieser Glaube an den einen und einzigen Gott ist das Ergebnis einer allmählichen Entwicklung innerhalb der Lebensgeschichte des arabischen Propheten Muhammad(5). Um 570 n. Chr. in Mekka im heutigen Saudi-Arabien geboren, wuchs Muhammad in einem polytheistischen Milieu auf. Die religiöse Situation auf der arabischen Halbinsel war zu seiner Zeit vornehmlich von folgenden Faktoren beeinflusst:

– Da war zunächst die altarabische Religion mit ihrer Götter-, Ideen- und Vorstellungswelt, die das tägliche Leben prägte: Im Wesentlichen handelte es sich um Lokalnumina (Lokalgottheiten); al-Lât, Manât und al-cUzzâ, die auch im Koran erwähnt sind (53,19-20), sind als weibliche Gottheiten neben Hubal als männlichem Stammes- oder Stadtgott in Mekka die bekanntesten. Mittelpunkt des religiösen Lebens in Mekka war die Kacba, die als Sitz der Gottheiten galt. An der Spitze dieses altarabischen Polytheismus stand eine Art „Hochgott“, Allâh (al-ilah); dass er den Arabern schon vor Muhammads Verkündigung bekannt war, erhellt aus dem Koran: „Und wenn du sie (die Ungläubigen) fragst, wer die Himmel und die Erde erschaffen und die Sonne und den Mond dienstbar gemacht hat, sagen sie bestimmt: ‚Gott‘ [Allâh] … Und wenn du sie fragst, wer Wasser vom Himmel herabkommen läßt und die Erde damit nach ihrem Absterben belebt, sagen sie bestimmt: ‚Gott‘ [Allâh] … Wenn sie in ein Schiff einsteigen, rufen sie Gott [Allâh] an, wobei sie Ihm gegenüber aufrichtig in der Religion sind. Kaum hat Er sie ans Land errettet, da gesellen sie (Ihm wieder andere) bei …“ (Koran 29,61-65). Koran 12,106 formuliert kurz und präzise: „Und die meisten von ihnen glauben nicht an Gott [Allâh], ohne (Ihm andere) beizugesellen.“ Daraus lässt sich schließen, dass sich der Glaube an Allâh als höchsten Gott weithin durchgesetzt hatte. Aber wie die Hochgötter anderer Religionen war Allâh in weite Ferne entrückt und spielte immer weniger eine bestimmende Rolle im täglichen Leben. Dafür waren gleichsam die alten Lokal- und Stammesgottheiten zuständig.

– Daneben gab es aber auch noch andere religiöse Einflüsse, die im Koran ihre Spuren hinterlassen haben. Die im vorislamischen Zentralarabien bestehenden jüdischen Siedlungen – in Medina machten die Juden etwa die Hälfte der Einwohnerschaft aus – hatten bereits eine lange Geschichte hinter sich, so dass jüdisches Gedankengut zwangsläufig auf die damalige Umwelt Einfluss nehmen musste(6).

– Als dritter Faktor sind die Christen zu nennen – Monophysiten, Nestorianer, Sektierer , die mit ihren Glaubensvorstellungen nicht ohne Wirkung auf den Koran geblieben sind.

So hat vor allem also religiöses Gedankengut von Palästina, Syrien und Irak aus bei der grenznahen arabischen Bevölkerung Eingang und Anklang gefunden und ist von dort immer weiter, jedoch mit abnehmender Intensität, nach Innerarabien durchgesickert. Im Großen und Ganzen handelt es sich dabei um Ideen und Vorstellungen christlicher und jüdischer Herkunft.

•Wider den altarabischen Polytheismus
Parallel zu der ständig verfochtenen Behauptung, es gebe nur einen Gott, verwarf Muhammad die Vorstellung von der Teilhaberschaft Gottes, d.h. Gott andere Nebengötter beizugesellen (shirk). Diejenigen, die Gott Teilhaber zuschrieben („beigesellen“), wurden als mushrikûn bezeichnet, als Ungläubige; sie – so heißt es – begehen eine unverzeihliche Sünde. „Gott vergibt nicht, daß Ihm beigesellt wird, und Er vergibt, was darunter liegt, wem Er will. Und wer Gott (andere) beigesellt, hat eine gewaltige Sünde erdichtet“ (Koran 4,48).
Die Vorstellungen der Polytheisten, ihre Idole und Götzen, sind immer wieder Zielscheibe der Kritik Muhammads. Darüber hinaus ging er aber auch gegen das christliche Trinitätsverständnis vor. Ich will den Zusammenhang kurz erläutern.

•Widerstand gegen Juden und Christen
Enttäuscht darüber, dass weder Juden noch Christen seine unerschütterliche Überzeugung von der inhaltlichen Identität aller Offenbarungsreligionen akzeptierten und zum Islam konvertierten, änderte Muhammad seine Haltung gegenüber den „Schriftbesitzern“
(ahl al-kitâb). Verschiedene Einwände erhob er gegen sie:

(1) Der Vorwurf der Schriftverfälschung: tahrîf. Muhammad selbst hat Juden und Christen vorgeworfen, den ursprünglich von ihnen richtig erfassten Sinn der Schrift (Thora, Evangelium) entstellt zu haben: „Erhofft ihr etwa, dass sie (die Juden) mit euch glauben, wo doch ein Teil von ihnen das Wort Gottes hörte, es aber dann wissentlich entstellte, nachdem er es verstanden hatte?“ (Koran 2,75; 4,46; 5,41 u.ö.). Ferner: „Und von denen, die sagen: ‚Wir sind Christen‘, nahmen Wir ihre Verpflichtung entgegen. Sie vergaßen einen Teil von dem, womit sie ermahnt worden waren“ (Koran 5,14). Über die Bedeutung des koranischen Begriffs „tahrîf“ gehen die Meinungen auseinander. „Tahrîf“ – zunächst gegen die Juden erhoben – entstammt einer Wurzel, die „biegen“ bedeutet und bezeichnet wahrscheinlich eine falsche Interpretation des Textes, ein Drehen und Wenden seines Sinns zum eigenen Vorteil. Die muslimischen Theologen sind sich in ihrer Beurteilung nicht einig: Einige verstehen tahrîf im Sinne der Fehlinterpretation biblischer Texte, andere vermuteten nicht nur Sinnentstellung, sondern textliche Veränderungen.
Die zunächst zurückhaltende Kritik Muhammads an den Christen spitzte sich mit der Zeit immer mehr zu. Diese Verschärfung der antichristlichen Position resultierte einmal aus der fortschreitenden Präzisierung seiner eigenen Botschaft, zum anderen aus dem Expansionsdrang zum byzantinischen Norden.

– Jesus ist nicht der Sohn Gottes
„O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht in eurer Religion, und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das Er zu Maria hinüberbrachte, und ein Geist von Ihm…“ (Koran 4,171). Dass Jesus nur der Gesandte Gottes war und eben nicht sein Sohn, behauptet der Koran wiederholt; dass er ein gewöhnlicher Mensch war und nicht Sohn Gottes, unterstreichen die koranischen Bezeichnungen „Wort“ (kalimatu Ilâh) und „Geist“ (ruh) Gottes für Jesus, wird doch in ihnen besonders die Geschöpflichkeit Jesu hervorgehoben: durch das Schöpfungswort Gottes und das Einhauchen seines Geistes wurde Jesus wie Adam ins Leben gerufen.

– Jesus ist nicht am Kreuz gestorben
Dass Jesus sterblich ist, kann aus dem Koran als gesichert angenommen werden. Aber über den Zeitpunkt seines Todes gehen die Meinungen weit auseinander.
Gegen die Juden, die beteuern: „Wir haben Christus Jesus Sohn Marias, den Gesandten Gottes, getötet“ (Koran 4,157), behauptet der Koran: „Sie haben ihn aber nicht getötet, und sie haben ihn nicht gekreuzigt, sondern es erschien ihnen eine ihm ähnliche Gestalt. Diejenigen, die über ihn uneins sind, sind im Zweifel über ihn. Sie haben kein Wissen über ihn, außer dass sie Vermutungen folgen. Und sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet, sondern Gott hat ihn zu sich erhoben. Gott ist mächtig und weise“ (Koran 4,157f.). Demnach gelang es den Juden nicht, Jesus zu kreuzigen. Gott hat ihn errettet, er allein verfügt über Leben und Tod. Ein schmachvoller Tod eines Gesandten wäre gegen die Ehre Gottes. – Die Leugnung des Kreuzestodes Christi wird somit als Beispiel für die Allmacht Gottes hingestellt, gleichsam als „Zeichen“ für die, die glauben. Wenn sich auch die kategorische Ablehnung der Kreuzigung Christi zunächst gegen die Juden richtete, so ist doch gerade die Bestreitung des Kreuzestodes Christi sowie die Zurückweisung des trinitarischen Gottesbegriffs bis heute von den Muslimen immer wieder als Argument gegen die Christen verwandt worden. Zudem stellt die Leugnung der Kreuzigung Jesu die christliche Soteriologie (Erlösungslehre) in Frage.

– „Es gibt keinen Gott außer Gott“
Unmissverständlich weist der Koran die Lehre von der Trinität zurück: „So glaubt an Gott und seine Gesandten. Und sagt nicht: Drei. Hört auf, das ist besser für euch. Gott ist doch ein einziger Gott. Preis sei Ihm, und erhaben ist Er darüber, daß Er ein Kind habe. Er hat, was in den Himmeln und was auf der Erde ist. Und Gott genügt als Sachwalter“ (Koran 4,171).
Allerdings gibt der Koran die christliche Trinitätsauffassung nicht authentisch und korrekt wieder. Er scheint den christlichen Dreifaltigkeitsglauben als Tritheismus missverstanden zu haben und sich eine Trias aus Gott (Vater), Maria (Mutter) und Jesus (Kind) vorzustellen: „Und als Gott sprach: ‘O Jesus, Sohn Marias, warst du es, der zu den Menschen sagte: ‚Nehmt euch neben Gott mich und meine Mutter zu Göttern?’…“ (Koran 5,116). Von diesem Missverständnis abgesehen, polemisiert der Koran gegen die Christen, die sich zur Dreifaltigkeit Gottes bekennen, und verbindet seine Zurückweisung der Trinitätslehre mit der Androhung der göttlichen Strafe: „Ungläubig sind diejenigen, die sagen: ‘Gott ist der Dritte von dreien’, wo es doch keinen Gott gibt außer einem einzigen Gott. Wenn sie mit dem, was sie sagen, nicht aufhören, so wird diejenigen von ihnen, die ungläubig sind, eine schmerzhafte Pein treffen“ (Koran 5,73). Mit der immer wiederholten Betonung der Einzigkeit Gottes geht der Koran zwar in erster Linie gegen den altarabischen Polytheismus vor, trifft aber ebenso auch den Kern des christlichen Gottesbegriffs.

•Gottes Transzendenz und Immanenz
Im Mittelpunkt der islamischen Gotteserfahrung steht der Glaube an den einen und einzigen Gott, der tagtäglich im ersten Teil des Glaubensbekenntnisses öffentlich bezeugt wird: „Ich bezeuge, daß es keine Gottheit außer Gott gibt …“ Der Islam misst der Einzigartigkeit Gottes ein solches Gewicht bei, dass er alles ablehnt und verwirft, was auch nur im Entferntesten eine Beeinträchtigung der alleinigen Gottheit Gottes bedeuten könnte.

Die absolute Weltüberlegenheit Gottes, seine nicht einholbare Transzendenz betont der Koran immer wieder: „Gott ist der Erhabene“ (Koran 2,255), „die Sehkraft erreicht Ihn nicht“ (Koran 6,103), ja „es gibt nichts, was Ihm gleich wäre“ (Koran 42,11). Diese unendliche Wesensverschiedenheit Gottes von weltlicher Wirklichkeit hat weitreichende Konsequenzen: über das strikte Bilderverbot im Islam hinaus stellt sich die Frage, wie überhaupt ein Zugang zu Gott möglich sein kann. Wenn Gott in seinem Wesen derart unzugänglich ist – der Koran sagt: Auch wenn Gott sich zu erkennen gibt, bleibt er verborgen (Vgl. Koran 57,3) -, wenn er sich total menschlicher Erkenntnis entzieht – wie kann Gott dann vom Menschen, in welcher Weise auch immer, erfahren werden?
Es sind vor allem zwei von Gott ermöglichte Wege, die zu ihm führen: Seine Offenbarung und seine Schöpfung. In ihnen hat sich Gott den Menschen zugewandt. Wie selbstverständlich kommt seine Zuwendung in den Eingangsworten der einzelnen Suren des Korans (mit Ausnahme der neunten Sure) zur Sprache: „Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen …“. Die Initiative liegt bei Gott. Er stellt sich als Schöpfer und Lehrer des Menschen vor, so in der zuerst geoffenbarten Sure 96,1-5: „Lies im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, den Menschen erschaffen hat aus einem Embryo. Lies. Dein Herr ist der Edelmütigste, der dem Menschen durch das Schreibrohr gelehrt hat, was er nicht wußte …“. Diese von Gott initiierte Relation zum Menschen hat ihre letzt-gültige Verbindlichkeit im Koran gefunden. Als Willensausdruck Gottes findet der Mensch im Koran jene Rechtleitung, hudâ, die von Gott selbst kommt und die den rechten Weg des Menschen vor Gott garantiert. Wer sich den vorgegebenen Handlungsnormierungen unterwirft, kann sicher gehen, dass Gott, der den Menschen in die Existenz gerufen hat, ihn mit seiner Vorsehung ein Leben lang begleitet, auch dann nicht im Stich lässt, wenn es mit ihm, dem Menschen, zu Ende geht.

Ebenso deutet das Wunder der Schöpfung auf Gott hin. In ihr kommen seine Allmacht – „Wenn Er eine Sache beschlossen hat, sagt Er ihr nur: Sei!, dann ist sie“ (Koran 2,117) – und seine Güte zum Ausdruck. Auch in der Schöpfung zeigt sich Gottes Zuwendung zum Menschen. Denn Gott hat Welt und Mensch nicht ein für allemal ins Dasein gerufen, um sie dann ihrem Schicksal zu überlassen. Im Gegenteil: Er begleitet seine Geschöpfe mit seiner Vorsehung. Er tut es unablässig, denn er setzt jederzeit sein schöpferisches Wirken fort. In allem kreatürlichen Sein ist Gott als schöpferisch begründende und erhaltende Ursache zu entdecken. Das hat zur Folge, dass Gottes Verhältnis zu Welt und Mensch nicht nur durch seine Transzendenz bestimmt ist, sondern ebenso durch seine Immanenz. Gott ist nicht nur der ferne, transzendente Gott, sondern ebenso auch der nahe, anwesende Gott; er ist dem Mensch „näher als die Halsschlagader“ (Koran 50,16).

b) „ … und Muhammad ist sein Gesandter“

Nach islamischer Tradition war Muhammad etwa vierzig Jahre alt, als er jene Erfahrungen machte, die so nachhaltig auf ihn einwirken und seine prophetische Berufung und Sendung einleiten sollten(7). Verschiedene Ursachen spielten dabei eine Rolle: Es waren nicht primär politische oder soziale Fragen, an denen sich Muhammads Erfahrung seiner eigenen Berufung und Sendung entzündete, sondern zutiefst religiöse Impulse. Ferner hat der Verfall des altarabischen Polytheismus, der offensichtlich zur Zeit Muhammads von keiner tieferen Bedeutung mehr war, auf ihn eingewirkt und ihn nach einigen Jahren der Zurückgezogenheit und zeitweisen Abgeschiedenheit veranlasst, mit seiner Botschaft an die Öffentlichkeit zu treten. Kernaussagen sind die Lehre vom alleinigen und allmächtigen Schöpfergott sowie ausgeprägte eschatologische Vorstellungen, in denen von der Unerbittlichkeit der göttlichen Abrechnung die Rede ist.

•Charisma und Macht
Überzeugt von der Wahrheit dieser Botschaft, sah Muhammad sich verpflichtet, sie seinen Landsleuten mitzuteilen, um sie so auf den Weg des Heils zu führen. Kollektiv empfindend, wusste er sich für seine Mitmenschen verantwortlich. Doch die Mehrheit lehnte ihn ab. Es kam zur Konfrontation. Muhammad und seine Getreuen verließen ihre Heimatstadt Mekka und wanderten nach Medina aus. Es war das Jahr 622. Durch die Übersiedlung von Mekka nach Medina seiner Sippe und seinem Stamm entwurzelt, versuchte Muhammad in Medina eine neue Gemeinschaft aufzubauen, indem er die mit ihm emigrierten Mekkaner und die neu hinzugewonnenen Gläubigen aus Medina zur „umma al-islâmiyya“, zur „islamischen Gemeinschaft“ zusammenschloss. Der religiöse Charismatiker von Mekka wurde zum politisch-mächtigen Anführer einer sich neu formierenden Interessen- und Glaubensgemeinschaft. Sie war gehalten, mit eben denselben Mitteln ihre Existenz zu sichern wie die benachbarten Stämme. Zwangsläufig ist so das neue muslimische Gemeinwesen von Medina zu einem politisch-kämpferischen Stadtstaat geworden. Während das Christentum in einen Staat hineingeboren wurde, hat der Islam einen Staat hervorgebracht. Damit ist der Islam von seiner Entwicklung her gleichzeitig und untrennbar Religion, gesellschaftliche Gemeinschaft sowie politisch-rechtliche Größe. Alle drei Aspekte sind untrennbar miteinander verbunden. Das „Haus des Islam“ (dâr al-Islâm) verkörpert eine religiöse und politisch-rechtliche Ganzheit. So verschieden die Muslime ihrer sozio-kulturellen Herkunft nach auch sein mögen – ob Araber, Türken, Inder, Pakistani, Indonesier, Afrikaner oder Iraner – sie alle gehören zum „dâr al-Islâm“. Nach der bereits im Jahre 623 von Muhammad erlassenen ersten Gemeindeordnung gehören alle Muslime zusammen und bilden aufgrund ihres Glaubens eine solidarische Gemeinschaft. Diese Richtlinien gelten in der islamischen Tradition als Modell für eine ideale Gesetzgebung in den islamischen Staaten und als vorbildliches Muster für das echte islamische Leben innerhalb der islamischen Gemeinschaft.

Von Anfang an war der Islam politisch orientiert. Muhammad war ja nicht nur der Verkünder einer religiösen Lehre, sondern auch einer theokratischen Staatsidee. So versteht sich der Islam von seinem Ursprung her gleichermaßen als „dīn“ – Religion – und „dawla“ – Staat -: „Al-Islām dīn wa dawla“, so wird gesagt, d.h. als Idealvorstellung ist der Islam religiöse und politische Gemeinschaft zugleich.(8) Das Staatsvolk ist das Gottesvolk, das religiöse Gesetz – sharī‘a – Staatsgesetz. „Ihr (Muslime)“, heißt es im Koran 3,110: „Ihr (Muslime) seid die beste Gemeinschaft, die je unter den Menschen hervorgebracht worden ist. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche und glaubt an Gott.“ In diesem Sinn gilt dann das als Ausspruch Muhammads überlieferte Motto: „Der Islam herrscht und wird nicht beherrscht.“(9) Daraus resultiert die Pflicht der muslimischen Gemeinschaft, sich als Glaubensbrüder und -schwestern für die Belange des Islams einzusetzen.

Der Einsatz „auf dem Weg Gottes“: djihad
„Rücket aus, ob leicht oder schwer, und setzt euch mit eurem Vermögen und mit eurer eigenen Person auf dem Weg Gottes ein“, so steht es im Koran.(10) Diese Pflicht, sich mit Leib und Leben für den Glauben gegen alle Widerstände selbst aus den eigenen Reihen einzusetzen(11), gilt für die muslimische Gemeinschaft als Gesamtheit, d. h. die ganze islamische umma auf Weltebene muss sich darum bemühen, dass sich dieser koranischen Vorschrift entsprechend das Gesetz Gottes durchsetzen kann.(12) Unter den Gegebenheiten zur Zeit Muhammads bedeutete das den bewaffneten Kampf. Dem entspricht bereits der koranische Befund ebenso wie die spätere Interpretation in den Rechtsbüchern. Nach muslimischer Auffassung ist die Welt – so die klassische Theorie – in zwei Lager geteilt:
1) in das Gebiet des Islams (dār al-Islām) und
2) in das Gebiet des Krieges (dār al-harb),
das bedeutet: die Welt besteht aus zwei Lagern:
das der Muslime und das der Nicht-Muslime.(13) Zur Verteidigung des islamischen Gebietes, das „dār al-Islām“ und zur Ausweitung seines Bereiches zwecks Einführung der islamischen Lebensordnung ist der djihād, der Einsatz „auf dem Wege Gottes“, als probates Mittel gefordert. Der djihād seinerseits kann die verschiedensten Formen annehmen: von militärischem Kampf, sprich Krieg, über propagandistische Solidaritätskundgebungen für die „mustad ‘afīn“, d. h. für „Arme und Entrechtete“, bis hin zur finanziellen und politisch-ideologischen Unterstützung von Freiheitsbewegungen in aller Welt und egal welcher Provenienz, ganz zu schweigen von den internationalen Missionsaktivitäten dank der arabischen Petro-Dollar als Investitionshilfe und Finanzierungsquelle für islamische Zentren.
Diese innerislamische Solidarität fundamentalistischer Kreise gründet in ihrer Auflehnung gegen Fremdherrschaft, soziale Ungerechtigkeit und kulturelle Entwurzelung, und zwar im Namen des Islams, von dem der Koran sagt: „Und wer hat eine schönere Religion als der, der sich völlig Gott hingibt und dabei rechtschaffen ist …?“(14) Getrieben vom Eifer, durch eine Weltrevolution die islamische, weil beste Ordnung, zum alleinigen Gesetz für die ganze Menschheit einzurichten, machen sie sich auf, mit ihren fundamentalistischen Verheißungen immer mehr Anhänger in der islamischen Welt für sich zu gewinnen. Der von ihnen anvisierte islamische Gottesstaat verspricht den Gläubigen nicht nur die Glückseligkeit im Jenseits, sondern schon jetzt das Heil im Diesseits.

•„Siegel der Propheten“ (Koran 33,40)
Muhammad – religiöser Charismatiker und politischer Anführer zugleich – verstand sich theologisch gesehen als „das Siegel der Propheten“ (Koran 33,40), d.h. er sah sich mit seiner Berufung und Sendung nicht nur in Übereinstimmung mit den früheren Propheten und Gesandten, sondern darüber hinaus als das abschließende Glied dieser langen Traditionskette. Als Abschluss und Höhepunkt der Offenbarungsgeschichte, eben als „das Siegel der Propheten“, ist er derjenige, der die gespaltene Menschheit wieder in Gott, ihrem Ursprung und Ziel, zusammenführt. Deswegen ist mit ihm, Muhammad, eine neue Zeit angebrochen, die Zeit der Versöhnung der einen Menschheitsfamilie im Leben des Islams, der fraglosen Unterwerfung unter Gottes Willen(15).

3. Der Koran: Gottes letztes Wort

•Inlibration: Buchwerdung von Gottes Wort
Zentrale Glaubensaussage des Islam ist im Gegensatz zum Christentum: Gottes Wort ist Buch geworden, nicht Gott ist Mensch geworden. Nicht die Inkarnation steht im Mittelpunkt, sondern die Inlibration, die Buchwerdung von Gottes Wort im Koran. Als zeitlich jüngste von Gott gesandte Schrift ist sie vom Inhalt her Gottes letztes Wort an die Menschheit, unnachahmlich und unüberbietbar (Koran 17,88). Weil Gottes Wort, trägt der Koran die untrüglichen Merkmale seiner Authentizität in sich selbst. Die geglaubte Verbalinspiration verleiht ihm uneingeschränkte Autorität in der muslimischen Welt, gilt er doch als die arabische Version jener Offenbarungsschrift, die bei Gott hinterlegt ist und „Mutter des Buches“ (umm al-kitâb) genannt wird (Koran 3,7 u.ö.)(16).

Weil aus muslimischer Sicht Gott sich und seinen Willen in endgültiger Weise im Koran geoffenbart hat, ist der Koran das vorzügliche Medium, durch das der Mensch Gott erkennen und erfahren kann. Schon verhältnismäßig früh als das ungeschaffene Wort Gottes – gleich ewig mit ihm – anerkannt, ist der Koran für jeden Muslim der Dreh- und Angelpunkt seines Selbstverständnisses und seiner Weltdeutung. Die gesamte Lebensordnung gewinnt von ihm her ihre lebensgestaltende und -prägende Kraft.

•Einführung der Scharia
Aufgrund der Tatsache, „daß in der islamischen Tradition Religion und Staat besonders eng verbunden waren, und das Hauptkennzeichen der Islamizität des Staates in der Durchführung des auf Offenbarung zurückgeführten religiösen Rechts, der Scharia, gesehen wurde“(17), streben die Verfechter des Islamismus die Wiederherstellung eines islamischen Staates an, verbunden mit der Wiedereinführung der Scharia. Damit würde ein Recht zur Grundlage der politischen Ordnung gemacht, das einzig und allein die Musline als Vollbürger anerkennt, während Nicht-Muslime dem Wohlwollen der Herrschenden ausgeliefert wären.

•Die „Entwestlichung des Wissens“
In seinem Beitrag „Islamischer Fundamentalismus gegen den Westen“(18) analysiert Bassam Tibi – selbst Muslim – jenes Fremdbild vom Westen, das sich in den Köpfen führender muslimischer Fundamentalisten festgesetzt hat. Er zeigt vier Gedankenkomplexe auf(19):
(1) Ausgangspunkt ist die Kritik am westlichen Kolonialismus als einem angeblich speziell gegen den Islam gerichteten Unternehmen; in Anlehnung an die Kreuzzüge sprechen sie in unseren Tagen von einem „neuen Kreuzzüglertum“ des Westens.
(2) Die theologische Weltsicht des Islams sehen sie durch westliche Wissenschaft gefährdet (Autonomie menschlicher Vernunft, Sittlichkeit usw.) und fordern eine “Entwestlichung des Wissens“ durch Rückgriff auf das unüberbietbare Wissen des Korans.
(3) Die Krise der europäischen Moderne wird als Sinnkrise einer säkularen Welt interpretiert.
(4) Diese Sinnkrise wird dem weltpolitischen Herrschaftsdenken des Westens ein Ende setzen und dem Islam zur Weltführung verhelfen.(20)
„Diese antiwestliche Ideologie“, so B.Tibi, „bietet eine Alternative zu der ‘westlichbeherrschten Welt‘, eine Alternative, in der der Islam die Führung innehat. Westliche Universalität, auch die der Menschenrechte, soll durch die islamische Universalität, in deren Doktrin es ein Konzept individueller Menschenrechte gar nicht gibt, ausgetauscht werden“(21). Damit sind wir bei einem der zentralen Punkte des islamischen Fundamentalismus angelangt. Es geht um die grundsätzliche Frage der Universalität der Menschenrechte. Sind sie unveräußerliche Rechte des Individuums oder dürfen sie “einem wie immer gearteten Kulturrelativismus geopfert werden“(22)? Oder anders gefragt: „Rechte der Menschheit oder Rechte der Muslime“(23)? Hier sind kritische Anfragen dringend geboten.

4. „Dir sind wir ergeben“

Das komplexe religiös-politische Phänomen „Islam“ bedarf einer differenzierten Sichtung und Darstellung. Schwarz-Weiß-Malerei hilft nicht weiter. Defizitäres Wissen ist aufzuarbeiten, um auch das Positive jener Weltreligion zu sehen, das uns die Medien allzu oft vorenthalten, jene Dimension, die wir Spiritualität nennen:
Und im Zentrum muslimischer Spiritualität steht das unerschütterliche Bekenntnis der Einzigkeit des transzendenten Gottes. Dabei kommt es nicht ausschließlich darauf an, verbaliter zu bestätigen, dass es nur einen Gott gibt, „keine andere Gottheit außer Gott“, wie das islamische Glaubensbekenntnis sagt, sondern vielmehr glaubend zum Ausdruck zu bringen, dass letztlich Gott allein „wirklich“ und „eigentlich“ existiert(24), während alles andere Existente neben ihm – wie Welt und Mensch – nicht im eigentlichen Sinn des Wortes existiert, sondern unablässig „zerfällt“, d.h. ins Nichts zurückfällt, um von Gott andauernd neu ins Leben gerufen zu werden: Alles vergeht, sagt Koran 55,26-27, „bleiben wird nur das Antlitz deines Herrn, das erhabene und ehrwürdige“. Alle Geschöpfe und an ihrer Spitze der Mensch haben ihren Sinn und Zweck nur insofern, als sie „geschaffen wurden, den Herrn anzubeten“(25). In diesem Sinne spiegelt die islamische Spiritualität die Geschichte unzähliger Menschen in ihrem Versuch wider, sich dem glaubend zu unterwerfen, von dem sie ausgegangen sind und zu dem sie zurückkehren: Gott. Er, der souveräne Schöpfer und Herr des Universums und doch zugleich dem Menschen näher als die eigene Halsschlagader, wie Koran 50,16 bekennt, ist transzendent und immanent zugleich: „Die Blicke erreichen Ihn nicht“, so Koran 6,103, doch „wohin ihr euch auch wenden möget, dort ist das Antlitz Gottes“ (Koran 2,115)(26). Von diesem Glauben getragen und im Wissen um die in der Schöpfung verankerte Relation Gottes zum Menschen(27), bekennen Muslime in aller Welt: „Dir sind wir ergeben“.

Quellenangaben:

1 A. Ta’heri, „Der Koran ist unser Programm“. Wie der politische Islam die moslemischen Nationen aufwühlt, in: Die
Zeit Nr. 36 vom 28.08.1987, 9.
2 Vgl. L. Hagemann, Zwischen Religion und Politik. Islamischer Fundamentalismus auf dem Vormarsch?, in: Ders./E.
Pulsfort, „Ihr alle aber seid Brüder“. Festschrift für A.Th. Khoury (Religionswissenschaftliche Studien, Bd. 14).
Würzburg-Altenberge ²1991, 244-260.
3 Der Koran ist zitiert nach A. Th. Khoury, Der Koran, Übersetzung. Gütersloh 2 1992.
4 Vgl. L. Hagemann, Propheten-Zeugen des Glaubens. Koranische und biblische Deutungen
(Religionswissenschaftliche Studien, Bd. 26). Würzburg-Altenberge 2 1993.
5 Vgl. ders., Christentum und Islam zwischen Konfrontation und Begegnung (Religionswissenschaftliche Studien, Bd.
4). Würzburg-Altenberge 3 1994, 27ff.; R. Paret, Mohammed und der Koran. Stuttgart 5 1985; A. Th. Khoury, Wer war
Muhammad? Lebensgeschichte und prophetischer Anspruch. Freiburg – Basel – Wien 1990.
6 Vgl. C. Colpe, Das Siegel der Propheten. Historische Beziehungen zwischen Judentum, Judenchristentum,
Heidentum und frühem Islam. Berlin 1989.
7 Siehe Anm. 5.
8 Vgl. L. Hagemann, Christentum und Islam a.a.O. 44-47 mit weiterführenden Literaturangaben; ders. Zur
Politisierung des Islam, in: Dialog in der Sackgasse? Christen und Muslime zwischen Annäherung und Abschottung
(Religionswissenschaftliche Studien, Bd. 46). Würzburg-Altenberge 1998 (Zusammen mit R. Albert). 205 S.
9 Vgl. Bukh~r§, Sah§h, Kairo 1897/H1315, K 23, 80; vgl. Koran 4,141.
10 Koran 9,41.
11 Vgl. ebd. 9,23.
12 Vgl. L. Hagemann, Christen und Islam a.a.O. 48f.
13 Vgl. A. Th. Khoury, Toleranz im Islam (Religionswissenschaftliche Studien, Bd. 8). Würzburg-Altenberge 1986,
103ff.
14 Koran 4,125.
15 Vgl. A. Th. Khoury, Muhammad, in: Ders., L. Hagemann, P. Heine, Islam-Lexikon, Bd. 2. Freiburg – Basel – Wien
2 1999, 543-566 (Lit.).
16 Vgl. A. Th. Khoury, Der Koran. Arabisch-Deutsch. Übersetzung und wissenschaftlicher Kommentar, Bd. 1.
Gütersloh 1990, 65ff.
17 R. Wielandt, Zeitgenössischer islamischer Fundamentalismus – Hintergründe und Perspektiven, in: K. Kienzler
(Hg.), Der neue Fundamentalismus. Rettung oder Gefahr für Gesellschaft und Religion? Düsseldorf 1990, 46-66.
18 In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“ B 22 (1990) 40-46.
19 Ebd. 42.
20 Vgl. auch A. Th. Khoury/L. Hagemann, Christentum und Christen im Denken zeitgenössischer Muslime
(Religionswissenschaftliche Studien, Bd. 7). Würzburg-Altenberge 2 1994, 165ff.
21 Siehe oben Anm. 19.
22 Ebd. 46.
23 Ebd. 45.
24 Vgl. R. Gramlich, Mystische Dimensionen des islamischen Monotheismus, in: A. Falaturi/W. Strolz, Glauben an
den einen Gott. Freiburg 1975, 195ff; A. Schimmel, Mystische Dimensionen des Islam, Köln 1985 u.ö.
25 R. Caspar, Islamische Mystik I, in : Cibedo-Texte Nr. 12 (1981), 5; vgl. R. Gramlich, Mystische Dimensionen des
islamischen Monotheismus, a.a.O. 191ff.
26 Vgl. L. Hagemann, Die Welt ist sein Geschöpf. Zum Verhältnis von Transzendenz und Immanenz, in: A. Bsteh
(Hg.), Der Islam als Anfrage an christliche Theologie und Philosophie (Studien zur Religionstheologie, Bd. 1).
Mödling 1994, 91-96.
27 Vgl. J. Bouman, Gott und Mensch im Koran. Eine Strukturform religiöser Anthropologie anhand des Beispiels
Allah und Muhammad. Darmstadt 1977; L. Hagemann, „… mein Leben und mein Sterben gehören Gott“ (Koran
6,162). Strukturen islamischer Anthropologie, in: H. Hoffmann (Hg.), Werde Mensch. Wert und Würde des Menschen
in den Weltreligionen. Trier 1999, 121-142.

Literaturhinweise (Auswahl)

Bouman, J.: Gott und Mensch im Koran. Eine Strukturform religiöser Anthropologie anhand des Beispiels Allah und Muhammad. Darmstadt 1977.

Bsteh, A. (Hg.): Der Islam als Anfrage an christliche Theologie und Philosophie (Studien zur Religionstheologie, Bd. 1). Mödling 1994.

Colpe, C.: Das Siegel der Propheten. Historische Beziehungen zwischen Judentum, Judenchristentum, Heidentum und frühem Islam. Berlin 1989

Falaturi, A./Strolz, W.: Glauben an den einen Gott. Freiburg 1975.

Gramlich, R.: Islamische Mystik. Sufische Texte aus zehn Jahrhunderten. Stuttgart – Berlin – Köln 1992.

Hagemann, L./Pulsfort, E. (Hg.): „Ihr alle aber seid Brüder“. Festschrift für A. Th. Khoury (Religionswissenschaftliche Studien, Bd. 14). Würzburg – Altenberge 21991.

Hagemann, L.: Propheten – Zeugen des Glaubens. Koranische und biblische Deutungen (Religionswissenschaftliche Studien, Bd. 26). Würzburg-Altenberge ²1993.

Hagemann, L.: Christentum und Islam zwischen Konfrontation und Begegnung (Religionswissenschaftliche Studien, Bd. 4). Würzburg-Altenberge ³1994.

Hagemann, L./Khoury, A.Th. (Hg.): Blick in die Zukunft (Religionswissenschaftliche Studien, Bd. 43). Würzburg-Altenberge 1998.

Hagemann, L./Albert, R. (Hg.): Dialog in der Sackgasse? Christen und Muslime zwischen Annäherung und Abschottung (Religionswissenschaftliche Studien, Bd. 46). Würzburg-Altenberge 1998.

Hagemann, L.: Christentum contra Islam. Eine Geschichte gescheiterter Beziehungen. Darmstadt 1999.

Hoffmann, H. (Hg.): Werde Mensch. Wert und Würde des Menschen in den Weltreligionen. Trier 1999.

Khoury, A. Th.: Der Koran. Übersetzung und wissenschaftlicher Kommentar, Bd. 1ff. Gütersloh 1990ff.

Khoury, A. Th.: Wer war Muhammad? Lebensgeschichte und prophetischer Anspruch. Freiburg – Basel – Wien 1990.

Khoury, A. Th.: Der Koran. Übersetzung. Gütersloh 21992.

Khoury, A.Th./Hagemann, L./Heine, P.: Islam-Lexikon. 3 Bde. Freiburg, 21999.

Paret, R.: Mohammed und der Koran. Stuttgart 51985.

Schimmel, A.: Mystische Dimensionen des Islam. Die Geschichte des Sufismus. Köln 1985.

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