Bischof Dr. Franz-Josef Bode im “Handruper Forum”

Jugend und Kirche

Zum Referenten:
Dr. Franz-Josef Bode
Bischof von Osnabrück

Vortrag im Rahmen des „6. Handruper Forums“ vom 10. Oktober 1997.

(Zu diesem Abend existiert nur mehr das Vortragsmanuskript.)

Bischof Dr. Franz-Josef Bode

Vortrag Bischof Dr. Franz-Josef Bode

Meine Damen und Herren, liebe Jugendliche!

Ich freue mich, dass es heute abend dazu gekommen ist, dass ich hier im sogenannten Handruper Forum ein wenig über Jugend und Kirche sagen darf. Ich hab’ das damals so früh und etwas leichtsinnig angenommen und habe natürlich gedacht, das ist wunderbar, da habe ich noch lange Zeit. Sie kennen das alle, am Ende wird es dann doch sehr eng und es ist doch dann eine ziemlich volle Woche geworden, und ich mußte mich also bis eben damit ein bißchen beschäftigen. Deshalb ist vielleicht mein Vortrag daher eher eine Sammlung von unterschiedlichen Gedanken, die man vielleicht noch sehr viel besser in Form und Ordnung bringen könnte, aber vielleicht entspricht es auch der Buntheit und Vielfalt dessen, was wir mit Jugendlichen erleben, wenn das aus so verschiedenen Teilen auch zusammengesetzt ist, sowie es hier unter uns vielleicht auch deutlich gemacht ist.[ðVerweis auf die Schautafeln zu den Projekttagen – Motto: Jugend und Kirche: Bunt und vielfältig.]

„Diese Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird nie wieder so sein wie die Jugend vorher.“ – So steht es auf einer Tonscherbe des Alten Babylon.

„Unsere Jugend liebt den Luxus, hat schlechte Manieren, mißachtet die Autorität und hat keinen Respekt vor dem Alter. Die heutigen Kinder sind Tyrannen, sie stehen nicht auf, wenn ein älterer Mann das Zimmer betritt, sie widersprechen den Eltern, sie schätzen die Gesellschaft anderer, schlürfen beim Essen und tyrannisieren ihre Lehrer.“ – So sagt Sokrates.

„Und in Kathargo ist eine abstoßende maßlose Ausgelassenheit der Schüler das Übliche. Sie stürzen unbeherrscht darein, und wie eine Horde von Rasenden bringen sie die Ordnung durcheinander, die der Lehrer zum Besten seiner Schüler eingeführt hat. Mit unbegreiflicher Roheit treiben sie Frevel über Frevel. Dinge, die vor den Gesetzen strafbar wären, wenn nicht die Gewohnheit ihr schützender Anwalt wäre.“ – Das sagt der hl. Augustinus.

Also meine Lieben, zu allen Zeiten hat man offensichtlich Probleme gehabt, dieser Jugend die Zukunft zuzutrauen, und zu allen Zeiten hat Jugend dennoch, möchte ich sagen, ihren Weg, sicher auch unter Schmerzen und Blessuren, gefunden und ist herangereift zur Gestaltung der Zukunft. Und dieses grundsätzliche Vertrauen in junge Menschen möchte ich an den Anfang meiner Ausführungen setzen, sozusagen als Überschrift. Es gibt sicher vieles, über das man klagen kann, das einem Schwierigkeiten bereitet, was einem Herzklopfen macht. Aber die Grundvoraussetzung ist das Vertrauen. Aber wer oder was ist sie denn überhaupt: die Jugend?

Grundsätzlich läßt sich festhalten, dass die Jugendphase sich ausgedehnt hat, sie beginnt eher. Diese Akzeleration zeigt sich z.B. in einer früheren geschlechtlichen Reife und in einem beschleunigten Wachstum. Aber auch an psychischen Phänomenen, etwa die Tochter, die dem Vater den Computer erklärt und der Mutter das neue Abfallsystem erläutert.

Dem steht eine Ausweitung der Jugendphase nach hinten gegenüber. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz von ‘92 setzt das Alter für die Anspruchsberechtigten bis 27 Jahre, und in nicht seltenen Fällen haben Menschen zu dem Zeitpunkt ihre Ausbildung aber noch nicht abgeschlossen, keine Familie gegründet, leben noch bei ihren Eltern und es läßt sich leicht vorstellen, dass es da zu Schwierigkeiten kommt. Auf jeden Fall läßt sich nicht mehr von der Jugend als einer Vorbereitungs- und Übergangsphase nur reden, sie ist eine eigenständige, vielfältig ausgeprägte Phase. Sie ist kein fest zu definierender Sachverhalt, sondern immer wieder neu zu betrachten und zu beschreiben. Bunt und vielfältig, Sie haben es hier hingeschrieben, und dies ist um so wichtiger, je schneller die Entwicklung und die Veränderung unserer Gesellschaft vonstatten gehen.

Diese Veränderungen sind in der jüngsten Zeit mit wesentlichen Schlagworten gekennzeichnet worden: Erlebnisorientierung – Multioptionalität: viele Optionen; Pluralisierung, Individualisierung und Differenzierung.

Kürzlich stand in der „Zeit“ ein Artikel mit der Überschrift: „Alles besetzt“, Dieser Artikel hatte die Unterschrift: „Der Weg ins traditionelle Erwachsenendasein bleibt den Jüngeren auf unbestimmte Zeit versperrt.“ Und da heißt es in einer Passage: „Das ist wahrscheinlich das bedeutendste, die ‘Zwangsjugendlichkeit’. Während es irgendwann einmal, z.B. als die Achtundsechziger noch biologisch jung waren, richtige, echte Erwachsene gab, und die Jugend nur den Rand einer Vorbereitungsphase auf das Eigentliche hatte, ist heute die Phase der Jugendlichkeit fast bis ins Lächerliche zerdehnt.“
Das liegt zu einem daran, dass Solarien, Fitnesscenter und Diäten heute vielen Menschen zugänglich sind, dass ältere Frauen sich nicht mehr einebnen lassen, nicht mehr einsehen, warum sie den Jil-Sander-Look mit der geblümten Kittelschürze vertauschen sollen, und dass ältere Männer, wenn sie einflußreich und grauhaarig sind, auch junge Frauen um sich scharen können. Den Ältergewordenen steht ein jugendlicher Habitus zur Verfügung, wenn sie ihn wollen. Und sie wollen ihn.

Auf der anderen Seite aber ist den Jüngeren der Weg in ein traditionelles Erwachsenendasein auf unbestimmte Zeit versperrt. Der Berufseinstieg, als ein ganz normaler Schritt zum Erwachsenwerden, hat inzwischen Seltenheitswert. Ihn ersetzen berufsvorbereitende Maßnahmen des Arbeitsamtes, ABM-Stellen, Jobs als Tankwart, Teilzeitsoftwareentwickler oder Zigarettenpromotorin, Praktikahospitanzen, der auf eineinhalbjahre befristete Assistenzvertrag u.s.w.. Während der akademische Nachwuchs der späten sechziger- und frühen siebziger Jahre selbst mit allergeringstem Ehrgeiz in boomenden Schulen und Hochschulwesen, in staatlichen und kommunalen Verwaltungen der Verbeamtung nicht entging, wird inzwischen kaum noch eingestellt. Die Stelleninhaber sind noch auf Posten, und wo einer geht wird gekürzt, gestreckt, gestrichen. „Closed shop“ beim Staat wie bei den privaten Arbeitgebern.

Vor diesem Hintergrund drängen Schulabgänger heute eher zum Berufsforum der örtlichen Sparkasse als zu einem revolutionären Jugendverband. Angesichts dieser Aussichten erscheint auch die Gründung einer Familie – ein weiterer unspektakulärer Weg in die Erwachsenenwelt – vielen Jugendlichen mit dreißig noch zu risikoreich. Würde man denn mit einem Baby am Bein den Flexibilitätserwartungen heutiger Personalchefs entsprechen können? Wahrscheinlich nicht. Den Jüngeren steht also die Option auf Erwachsensein erst sehr spät zur Verfügung, später als es sein müßte, später als es gut ist.

Ich habe das deshalb so ausführlich gesagt, weil ich denke, dass daraus schon deutlich wird, dass diese Buntheit und Vielfältigkeit sich schon aus dieser langen Spanne zwischen zwölf- und dreißig Jahren ergibt, was etwas mit der Jugendlichkeit zu tun hat. In unserem Bistum gehören in dieses Alter von zwölf- bis dreißig Jahren 135.700 junge Leute, wenn man Bremen nicht dazu rechnet – ich habe die genaue Zahl nicht – sind das etwa ein Viertel Katholiken unserer Diözese. Und ich denke, dass wir durch Gruppen, durch Aktivitäten der Gemeinden, durch all das, was in unseren Pfarrgemeinden geschieht, etwa 25 bis 30 Prozent dieser Leute erreichen, d.h. also weit über 30.000, wenn nicht gar bis 40.000. Hier im Emsland wird das Verhältnis der Erreichbarkeit noch größer sein als in den Städten. Also immerhin doch eine gewaltige Zahl, mit der wir jeden Tag in unseren Gemeinden, unseren Kirchen umgehen. Jetzt mal gar nicht gerechnet über die Schulen.

Wenn wir von Jugend und Kirche sprechen, müssen noch zwei Vorbemerkungen gemacht werden. Die Wortverbindung „Jugend und Kirche“ nämlich, denn einmal geht es um die Jugend der Kirche und Jugend in der Kirche, die ihre Einstellung zum Ganzen der Kirche hat, zu der sie ja selbst gehört. Sie ist Teil der Kirche und steht ihr nicht einfach nur gegenüber. Wenn das so wäre, dann würde man Kirche nur einfach mit denen da oben und mit Amtskirche verwechseln, zum andern geht es aber auch um die Jugend überhaupt. Die ganze Alltagskohorte, wie man so schön sagt, zu ihrer Stellung zur Kirche und dann noch eher zur Religion überhaupt. Wobei die kirchlich gebundene Religiosität nur ein Teil der Religiosität Jugendlicher überhaupt ist. Und weil diese Innenbeziehung – Kirche und Jugend – und die Außenbeziehung – Religion und Jugend überhaupt – ineinander übergehen, möchte ich noch einige Bereiche aufgreifen, in denen junge Leute heute leben. Daran wird nämlich deutlich, dass sich das Verhältnis Jugend und Kirche nicht herauslösen läßt aus der Gesamtsituation, weil eben Jugend auch ein Seismograph gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen ist, und die Probleme, die wir vielleicht in der Kirche haben, genau solche Probleme sind, wie die Gesellschaft sie in unterschiedlichsten Weisen auch hat, in der Politik, im Medienwesen – ich habe gestern die Redaktion der NOZ besucht und habe gehört, dass sie es auch schwer haben, die Abonnentenbindung zu halten, und dass sie es auch schwer haben, mit denen, die nur einmal in der Woche, oder wenn sie gerade Lust haben, die Zeitung kaufen. Also auf der ganzen Linie gibt es solche Unverbindlichkeiten. Eine Gesamtsituation also, in die wir eingebunden sind, die in sich äußerst komplex und kompliziert ist. Zu dieser Differenzierung noch ein paar Sätze:

Die Gesellschaft, die bis dahin in relativ große Milieugruppen nach Ständen und Schichten geteilt war, beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg sich immer weiter zu teilen und zu differenzieren. Das gilt vor allem für die großen Bereiche Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, die sich ohne Grenzen immer weiter auseinander bewegen. Und jeder einzelne Bereich versucht, seine eigene Leistungsfähigkeit möglichst weitgehend zu erhöhen. Das führt zu einem Schisma der Lebenswelten, zu einer Spaltung der Lebenswelten. Jedes Mitglied einer so differenzierten Gesellschaft hat es mit einer Fülle von Abteilungen zu tun, die jeweils für einen bestimmten gesellschaftlichen oder individuellen Lebensbereich zuständig sind. Die Reaktionen einzelner darauf ist der Rückzug in eine Privatsphäre, an die ein sehr hoher Anspruch als Maßstab angelegt wird. Und in diesem Prozeß sind natürlich die Jugendlichen hineingenommen, man spricht sogar von einer Verinselung. Dass es ganz spezialisierte Räume gibt, wie Spielplätze, Einkaufszentren und Freizeitsparks, Wohn- und Schlafstätten, alles ist eingeteilt in solche Inseln. Und die Überbrückung der Zwischenräume wird nicht mehr sinnlich erlebt, sondern erfolgt durch technische Medien, wie Fernsehen und Telefon. Und spontanes Handeln wird erschwert, da das Aufsuchen der Inseln Planung unter Berücksichtigung von Fahrplänen, Fahrzeiten und Öffnungszeiten erforderlich macht und erst mit anderen Personen abgestimmt werden muß. Man spricht von einer Fragmentalisierung, von einer Collagenwelt, wo alles zusammengesetzt wird oder einer Patchworkwelt, von der man reden kann. Und deshalb lohnt es sich, in drei Bereichen vielleicht noch einen kurzen Blick zu werden, nämlich: Jugend und Familie, Jugend und Schule und Jugend und Freizeit.

Jugend und Familie
Immer mehr Kinder wachsen als Einzelkinder auf. Parallel dazu fallen andere Veränderungen ins Auge. Es gibt mehr Scheidungen, mehr neue Beziehungs- und Haushaltsformen, Patchworkfamilien, immer öfter sind beide Elternteile berufstätig, bzw. das alleinerziehende Elternteil. Die Eltern sind wichtige Bezugspersonen im Leben der Jugendlichen, aber sie haben einen immer geringeren Einfluß auf die Sozialisation ihrer Kinder. Ihre Erfahrungen und Kenntnisse sind in der spezialisierten, sehr funktionsorientierten und in der schnellebigen Zeit kaum noch hilfreich. Also auf der einen Seite diese Notwendigkeit des Beziehungsgefüge, mit der Familie zu leben und gleichzeitig die Unfähigkeit oder auch manchmal Unmöglichkeit der Familie, bei all den vielen anderen Bereichen, in den junge Leute leben, wirklich auch Einfluß auf die Sozialisation zu nehmen. Und deshalb kann man über das Wort Generationenkonflikt sehr unterschiedlicher Ansicht sein. Es gibt Forscher, die im Moment gar keinen Konflikt ausmachen können. Andere wiederum sprechen von einer neuen Dimension in dem Streit zwischen den Generationen, es hat nach ihrer Ansicht auch etwas mit dem schlechten Gewissen, wegen eigener Unfähigkeiten zu tun. Außerdem war Jugend immer ein Hoffnungsträger für eine noch bessere Zukunft. Und wie ist es dann, wenn diese Hoffnung angesichts drohender Krisen und Rezessionen, infrage zu stellen ist. Vielleicht hat die junge Frau recht, die einmal sagte: „Die Eltern sind so scheißliberal geworden, dass man sich an ihnen nicht mehr reiben kann.“ Lassen sich Eltern und Erwachsene überhaupt nicht mehr provozieren? Gehen den Konflikten aus dem Weg? Verweigern die Jüngeren ihren Eltern die Teilhabe an ihren Erkenntnissen und Erfahrungen?

Jugend und Schule
Die andere Institution, in der junge Leute leben, ist die Schule, und das ist hier ja natürlich ein besonderer Erfahrungsbereich. Jugendzeit ist Schulzeit. Die oben beschriebene Ausdehnung der Jugendphase ist eng mit der des Bildungsbereiches verbunden. Schule beeinflußt Alltag, Lebensrhythmus und soziale Orientierung. Schule ist eine Sozialisationsinstanz. Kompetenz und Wissensvermittlung liegt im Bereich der Bildungsinstitutionen. Damit ist die Familie entlastet, hat aber auch nur noch relativ wenig Einflußmöglichkeit. Schule spiegelt das Leistungsprinzip der Gesellschaft wieder, auf die hin sie schult. Über den Leistungsgedanken wird ausgewählt. Schulabschlüsse und Zertifikate bestimmen die Position im Erwachsenenalter wesentlich mit. In der Schule wird bereits sehr früh festgelegt, welche Chancen jemand später hat. Dabei ist ein guter Abschluß so eine wesentliche Bedingung, garantiert aber immer weniger Erfolg, und das löst massiven Druck aus. Und die Gesellschaft hält da nicht immer, was vielleicht Schule „verspricht.“ Gute Abschlüsse garantieren nicht mehr einen guten Platz im Erwerbssystem, viele Entscheidungen fallen nicht mehr nach Wunsch und Interesse, sondern an den Bedingungen orientiert. Die Belastung durch die Schule, und vor allem auch durch die dort geforderte Leistung, wächst, weil der Druck sich erhöht durch die verschärfte Konkurrenzsituation. Und die äußert sich manchmal körperlich oder durch abweichendes Verhalten. Die Jugendlichen, die nicht mehr klarkommen, sind zwar noch eine Minderheit, aber eine immer wachsendere Minderheit. Sinn erhält die Schule nach ihrer Bedeutung für das Leben nach der Schule. Dabei wird der formale Teil der Schule, der gleichzeitig auch ihren Kern ausmacht, nämlich Unterricht und Lehrer, meist sehr negativ bewertet, und das sehr oft. Der eher informelle Teil, die Ferien, die Kontakte, die Klassenfahrten, die Freiheiten und Freizeiten kommen da schon besser weg, das wird wohl immer so sein.

Jugend und Freizeit
Damit sind wir bei Jugend und Freizeit. Jugend zwischen Freizeit, Medien und Konsum. Die Klage über zu wenig Freizeitmöglichkeiten ist sicher objektiv falsch, da es noch nie so viele Angebote gegeben hat. Objektiv falsch, aber subjektiv vielleicht doch richtig? Den Jugendlichen werden Konsumangebote gemacht, von denen Jugendliche jedoch nur Teile wahrnehmen können. Auf den weitaus größeren Teil müssen sie wegen fehlender Mittel, fehlender Zeit oder wegen des Überangebotes verzichten. Ich habe in meinem Brief an die jungen Leute auf die eigenartige Spannung hingewiesen. Diese unbegrenzte Zahl der Möglichkeiten und trotzdem die sehr ein geengte Zahl der Möglichkeiten, die man dann letztlich auch eingehen kann. Und das fördert natürlich eine wachsende soziale Unlust. Vereine, Verbände und Parteien, aber auch Familie und Nachbarschaft bekommen zu spüren, dass Freizeit zu einer Zeit der Beliebigkeit geworden ist und dass mit der wachsenden Kommerzialisierung der Freizeit auch die Entsolidarisierung im Alltag zunimmt. Und das stellt ganz neue Herausforderungen an Institutionen und Organisationen, auch an die Kirche. Soziales Engagement steht bei den Jugendlichen immer mehr unter dem Vorbehalt jederzeitiger Kündbarkeit. Mit dem Stichwort „Jugendliche im Erlebnisstreß“ werden die Konsequenzen beschrieben, die der Konsumimperativ „Bleiben sie dran“ bei Jugendlichen auslöst. Es führt zur einer Reihe von Störungen, zu Aggressionen, Schlafstörungen, wegen der ständigen Reizüberflutung. Auch schulisches Verhalten wird als Folge ermittelt, dass es schwierig wird, zur Konzentration zu kommen. Darin liegen enorme Herausforderungen für Schule, Elternhaus, Kirche, aber auch für die Persönlichkeitsbildung und die Sozialerziehung. Wir sind auf dem Weg von einer Leistungs- und Arbeitsgesellschaft, die lebte, um zu arbeiten, hin zu einer Freizeitgesellschaft, die arbeitet, um zu leben. Die Lebensarbeitszeit ist verkürzt, es gibt immer mehr Arbeitslose. Karrieren werden heute zunehmend in der Freizeit gemacht. Musiker, Sportler, Globetrotter, Computerfreaks mit fast professionellen Ansprüchen. Trotzdem ist in vielen Bereichen der Primat der Arbeit noch gegeben. So werden Jugendliche in der Schule nicht darauf vorbereitet, die Lebensziele und Sinn außerberuflich zu finden, werden Freizeitangebote – auch kirchliche – in Action und Produktivität gemessen, sieht der Staat Jugendliche nur als Arbeitnehmer, die Wirtschaft junge Menschen nur als Konsument. Die staatliche Jugendpolitik hat sich bisher über sinnvolle Lebensalternativen zum Geldverdienen und Geldausgeben kaum Gedanken gemacht.
Gestern abend war die Bundesleitung der CAJ, (Christliche – Arbeiter – Jugend) bei mir, und ich bin erstaunt, wie intensive Gedanken sie sich um diese Frage machen. Wie man denn auch, wenn es immer doch auch Arbeitslosigkeit noch auf lange Sicht geben wird, auch ein Leben nicht allein über Arbeit definiert? Natürlich muß das immer auch sein, aber wie man auch in anderen Bereichen und anders sinnvoll und richtig leben kann. Und damit auch umgehen lernt, mit dieser Situation, in der nicht einfach mehr jeder das haben kann, was er will.

Die Essenz, die die Freizeitforscher aus ihren Ergebnissen ziehen, ist die Forderung nach einer Neudefinition des Lernziels „Leben“. Eine ausgeprägte Hilfsbereitschaft wird damit zu einer der wichtigsten Lebenskompetenzen der Zukunft. Eine ausgeprägte Hilfsbereitschaft, die von früher Kindheit an entwickelt werden muß. Und ich denke, das ist auch wiederum ein ganz wichtiger Punkt für die Frage von Jugend und Kirche. Bei dem Ganzen spielt natürlich auch der Umgang mit den Medien, mit den Computern eine große Rolle.

Sie wissen vielleicht auch, dass ich auch in der Kommission für Medien, für Publizistik in der Bischofskonferenz bin, und wir nehmen immer stärker wahr, wie unsere Gesellschaft zur Informationsgesellschaft wird. Und wie die Realitäten, die Wirklichkeitsebenen immer mehr durcheinander geraten, und auch das, denke ich, ist eine Herausforderung in einer ganz besonderen Weise für uns alle, aber eben auch für junge Leute.

In einer solchen Situation kann nicht mehr von der „Jugendkultur“ gesprochen werden, sondern nur von sehr unterschiedlichen Lebensstilen und kulturellen Szenen. Eine Antwort auf gesellschaftliche Gegebenheiten, die eben nicht unbedingt jugendtypisch ist, sondern ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Alle wollen jung sein, ich hatte das eben schon angedeutet, aber keiner will Jugendlicher sein.
In diesem Zusammenhang spielt das Wort „Zugehörigkeit“ eine ganz neue Rolle, weil man nämlich bei all diesen schwierigen Gegebenheiten und in diesen verschiedenen Lebenslinien, in dieser Schismatisierung und Fragmentalisierung des Lebens Zugehörigkeien suchen muß, die nicht mehr durch angeborene Merkmale gegeben sind, sondern durch erwerbende Merkmale. Etwa durch die „Musik“, sie ist ja ein unglaublicher wichtiger Faktor, die Musik im Leben junger Menschen. Auf welche Musikart sie sich einlassen, und wie sie sich zusammenfinden, um ganz bestimmte Musikarten auch zu leben und zu erfahren. Ich denke, dass wir das manchmal auch in der Kirche etwas unterschätzen, uns damit auch noch mehr auseinandersetzen müssen, auch mit moderner Musik. Ich muß gestehen, ich kenne relativ wenig davon, bin aber geneigt, auch mich gemeinsam mit unserer Jugendkommission noch mehr damit zu befassen. Zugehörigkeitsmerkmale durch „Kleidung“ mit bestimmten Marken, die man nun mal eben haben muß, bestimmte Schuhe. Bei jeder Firmung erlebe ich, dass fast alle neue Schuhe haben und immer ganz bestimmte Arten von Schuhen, die oft für unser Begreifen gar nicht zu den anderen Kleidungsstücken passen. Aber das ist eben das, was ich auch großartig daran finde, dass sie sich über Schuhe und Schnürsenkel sogar identifizieren, also durch andere Accessoires auch. Auch das ist wichtig. Oder durch die Haarfarbe oder durch bestimmte Sportarten. Das Schwierige daran ist, so gut es ist, solche Zugehörigkeiten zu entwickeln. Unsere Marktgesellschaft ist natürlich sofort auf der Hut, diese Bedürfnisse, diese Accessoires, diese Marken und diese Zugehörigkeitsmerkmale sofort zu vermarkten und aufzugreifen. Und ich denke, das ist eine Schwierigkeit, die letztlich dann wieder dazu führt, dass man sehr schnell auch von dieser Gesellschaft, von dieser sehr vermarkteten Gesellschaft, vereinnahmt wird. Und das bedeutet eine weitreichende Veränderung des Verhältnisses des Einzelnen mit seiner Umwelt, mit seiner Gesellschaft.
Die Beziehung ist die des Wählens und weniger die des Gestaltens bei solchen verschiedenen Welten und Zugehörigkeiten. Der Einzelne sucht aus der Fülle der Angebote aus und stellt aus den vorgefertigten Bausteinen zusammen, er verwirft und wählt neu aus, also eine Auswahlsituation. Und letztlich spiegelt sich darin der Vorrang des Habens und Habenmüssens vor dem Sein, und der Vorrang des Design vor dem Sein. Die einzelnen Angebote sind gut verpackt, mit bestimmten Versprechungen verbunden. Wer „Rama“ auf sein Frühstücksbrötchen streicht, wird zum Lebensretter in unberührter Natur. Diese Versprechungen zielen auf die menschlichen Grundbedürfnisse nach Sinn und Glück, Geborgenheit, Gemeinschaft, Anerkennung und suggerieren ihre Befriedigung über den Konsum. Die wahre „Welt“ erhält dadurch einen anderen Sinn als nur den, die praktischen Bedürfnisse des Alltags zu decken, nämlich essen, waschen und spülen. Über kurz oder lang bemerkt dann das Individuum, dass sich die versprochene Befriedigung durch die getroffene Wahl nicht einstellt, und in der Logik des Wählens war die Wahl dann falsch. Das Individuum hat falsch ausgewählt oder zusammengestellt, und die nächste Wahl wird es bringen. So geht es immer weiter.

Neben dem Begriff der Zugehörigkeit ist der Begriff der Autonomie in diesem Zusammenhang sehr wichtig, der sich fast wie ein roter Faden durch die Äußerungen der Jugendforscher zieht. Das heißt, gegenüber all diesen unterschiedlichen Lebenswelten und all dem Unterschiedlichen wird die Autonomie des Individuums immer stärker herausgestellt. Man lehnt sich auf oder lehnt es ab, von anderen vereinnahmt oder verzweckt zu werden. Eigenartig ist dabei allerdings, dass man sich von der Werbung, von der Reklame, von der Vermarktung unbesehens vereinnahmen lässt. Aber wenn es thematische Vereinnahmungen oder Verzweckungen gibt, wo man fühlt, hier soll ich gepackt werden, wird es schwierig. Deshalb haben es auch die Institutionen sehr schwer, weil sie eben immer auch wieder die Autonomie des Einzelnen infrage stellen. Deshalb wird Demokratie oft verstanden nur als eine Basisdemokratie, wo jeder mit jedem über alles reden kann. Dass aber Demokratie auch Voraussetzungen hat und dass es Dinge gibt, n die sich alle dran halten müssen, wird oft nicht so deutlich gesehen. Auch Normen werden dadurch sehr viel schwieriger, nicht nur in der Kirche, sondern überhaupt in der Gesellschaft. Weil eben alles unter dem Aspekt gesehen wird, wie kann ich mich eigentlich in dieser Buntheit noch selbst behaupten, wie kann ich mich selbst verwirklichen. Auch die Motive zum Engagement in der Politik oder in der Kirche sind letztlich Motive, die sehr stark auch, das ist nicht nur negativ gemeint, von der Selbstverwirklichung geprägt sind. Auch die Motive für das Ehrenamt sind z.B., dass man dabei etwas lernen kann, dass ich mich selbst weiterentwickeln kann, dass ich eigene Fähigkeiten einsetzen kann. Also sehr stark unter dem Aspekt, sich für das Andere einzusetzen, um selbst daraus einen Ertrag zu haben. Was nicht unbedingt auch unserer christlichen Einstellung entspricht, dass wir auch unsere Einmaligkeit ernstnehmen und unsere Talente und Fähigkeiten einsetzen, aber es kann eben auch zu einem so verstärkten Umsichdrehen, ein sich Selberleben werden, dass die Öffnung für Größeres dadurch behindert wird. Und deshalb wird auch an Menschen herangetragene Religionspflicht mehr und mehr abgelehnt. Also das nur zu tun, weil man das so tut oder weil die Autorität es sagt, ist auf keinen Fall einfach eine Begründung, sondern wenn, dann in einer Plausibilität, die mir auch selbst einleuchtet. Und in dieser individuellen Kombination ist dann auch alles gleich gültig, man kann vieles nebeneinander stehenlassen. Wie viele junge Leute treffe ich, die am Kettchen vier oder fünf verschiedene Zeichen haben, einen Fußball, ein Tierkreiszeichen, einen Anhänger mit dem Namen des Freundes oder der Freundin, den Stern des Judentums und das Kreuzchen auch dazu. Alles kann auf einem Kettchen wunderbar aufgehängt sein.

Auch die Wertorientierung richtet sich danach, was an „Ertrag“ dabei herauskommt, das heißt, was es mir bringt. Ertrag – ein Einkommen oder Sicherheit, danach werden Werte bemessen, aber auch was es an Zugehörigkeit, an Liebe, an Angenommenheit bringt, oder was es an Ansehen bringt, oder was es an Selbstverwirklichung bringt. Dabei sind sehr sehr hohe Werte, die geschätzt werden: Verläßlichkeit, Glaubwürdigkeit, das Wort „echt“ ist immer noch ein sehr viel benutztes Wort, Gerechtigkeit und Frieden und der rechte Umgang mit der Umwelt und der Schöpfung. Und dann liegt manchmal der Glaube sehr schnell am Ende dieser Skala dieser Lebensziele, weil die Erreichbarkeit dieser genannten Erträge nicht leicht zu erkennen ist. „Ich glaub’ nix, mir fehlt nix“, dieser Slogan wird schon mal genannt. Was fehlt mir denn eigentlich, wenn ich nicht glaube?

Sie merken schon, das ist nicht eine Frage, die nur junge Leute, sondern die Erwachsenen genauso haben. Sie ist eine Art Spiegelbild wiederum der Erwachsenen, und wenn dann die Eltern sagen, du mußt dich firmen lassen, weil man das so tut, und ein Jugendlicher nicht spürt, was denn Firmung und der Glaube denn den Eltern bedeuten, dann kann nur Kontraproduktives dabei herauskommen.

Auch was die Zukunftsaussichten angehen, sind sie sehr gemischter Natur. Ich war in Haselünne auf dem Dekanatsjugendtag des Dekanates Meppen mit dem Thema: „Wenn ich an die Zukunft denke, dann …“ Es gab sehr unterschiedliche Einstellungen. Ein bißchen überwiegt, das hat mich dann doch gefreut, auch statistisch ist das so, die Zuversicht gegenüber der völlig düsteren Perspektive, aber es ist so etwa halbe-halbe. Und was ich in Haselünne erlebt habe, ich hab’ das auch in meinem Jugendbrief kurz dargestellt, ist, dass diese Leute sich dann gegenseitig ermutigt und gestützt haben, das heißt, die einen haben die anderen auf den Boden der Realität zurückgezogen, die anderen haben den einen Hoffnung gemacht. Das wäre eigentlich das, was ich mir von Kirche und Gemeinde, um es hier vorweg zu sagen, auch vorstellen könnte.

Die größte Sorge und Not ist die Frage nach der Perspektive, nach dem Ausbildungsplatz und die Frage nach der Arbeitslosigkeit. Werde ich überhaupt eine Arbeit in einem vernünftigen Beruf finden? Und ich denke, das ist die größte Herausforderung, die an uns in der Gesellschaft gestellt ist, und ich bin immer wieder neu geneigt, mit der Jugendkommission auf verschiedensten Ebenen in Stadt und Land mit Politikern ins Gespräch zu kommen, um danach zu suchen, dass wir doch auch Jugendlichen Ausbildungsplätze beschaffen können. Dass da sehr viel für eingesetzt worden ist, hier im Emsland und auch in Osnabrück, muß ich hier allerdings auch dankbar vermerken. Ich glaube, wenn die Perspektive, in ein geregeltes Arbeitsleben einzutreten, erst gar nicht entsteht, ist das noch schlimmer, als wenn man seinen Arbeitsplatz verliert, weil man überhaupt erst gar nicht eine solche Ordnung kennengelernt hat. Aus diesem ganzen Zusammenhang muß dann auch eben die Frage „Jugend und Kirche, Jugend und Religiosität“ gesehen werden.

Sie sehen, ich habe einen sehr langen Anweg gewählt, aber sie haben in vielen einzelnen Biegungen dieses Anweges schon festgestellt, welche Bedeutung dieses Problem auch für unsere Kirche hat. Ich meine, dass wir einfach nicht so plakative Äußerungen tun dürfen, sondern auch die Schwierigkeiten sehen müssen, in denen junge Menschen heute leben. Es ist also nicht verwunderlich, bei dieser Säkularisierung und Individualisierung, bei der Vermarktung der Wirklichkeit und bei der Unverbindlichkeit der Wahl, dass Jugend und Kirche es nicht leicht miteinander haben, zumal ein großes Mißtrauen in Großinstitutionen damit einhergeht, und unter solchen Großinstitutionen fällt ja eben auch die Kirche. Heute engagiert man sich eher in kleineren Gruppen, in Aktionen, in überschaubaren Einheiten, wo man Initiativen ergreifen kann, die überschaubarer sind.

Bei all dem ist aber trotzdem eine großes Religionsbedürfnis festzu stellen, was wir ja auch immer wieder von vielen Seiten hören. Junge Menschen sammeln sich aus vielen unterschiedlichen Angeboten das zusammen, was ihnen im Moment für ihren Alltag am sinnvollsten und brauchbarsten erscheint. Also auch in der Religion eine Art „Patchworkreligion“. Und die Zukunft von Kirche wird nach Einschätzung von Fachleuten davon abhängen, ob es ihr gelingt, die Schere zwischen religiösem Sinnbedarf und gelebtem Glauben bei Jugendlichen wieder zu schließen. Und das wird eine harte Arbeit sein, immer wieder in die Beziehung einzutreten, dass diese Suche nach Religiösem sich verbindet mit der konkreten Gemeinschaft von Kirche und von dem was Kirche auch deutlich macht. Das hat zu tun damit, wie sich heute Religiosität in der Kirche ausdrückt.

Ein erstes Stichwort dafür ist das, was ich gerade in Paris erlebt habe, mit dem Weltjugendtreffen. Es gibt eine gewisse Suche, ich möchte es mal nennen, eine Suche nach einer „Event-Kultur“, nach Großereignissen. Katholikentage, Taizè-Treffen, die Weltjugendtage und andere Großveranstaltungen, Ministrantentage, Jugendwallfahrten lassen feststellen, dass diese „Event-Kultur“ auch die religiöse Ausdrucksform kirchlich orientierter Jugend prägt. Sie bedient die jugendkulturellen Bedürfnisse und Ausdrucksformen und die verschiedenen Lebensstile und Beteiligungsformen.

Wichtige Bausteine dabei sind: solche Ereignisse haben Erlebnischarakter. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass es nicht nur um Diskussionen und sehr kognitive und über den Kopf laufende Auseinandersetzungen geht, sondern dass das auch was mit dem Abenteuerlichen zu tun hat. Sie ermöglichen einen kurzen Ausbruch aus einem mehr oder weniger geregelten Alltag. Mehr Emotionalität ist darin enthalten. Und wir sind zum andern in einer Unterbrechung des Alltags und vermitteln einen „Geschmack“ von Transzendenz. Und das wird denjenigen zur Hilfe, die nicht einfach durch Forschung und Lehre erreicht werden können, sondern eben durch solche Erfahrungen.

Und dabei spielen glaubwürdige und charismatische Persönlichkeiten und Personen eine ganz große Rolle. Gesichter, mit denen man sich identifizieren kann. Ich denke, das ist das Geheimnis bei allen Problemen, die junge Leute mit den Aussagen des Papstes haben, und dass diese Gestalt des Papstes trotzdem das hervorruft. Oder wenn wir an Mutter Theresa und andere große Persönlichkeiten denken. Solche Ereignisse haben Begegnungscharakter, man trifft Leute, man lernt sie kennen, man merkt Zugehörigkeiten durch Tücher, durch Rucksäcke, durch Buttons, durch T-Shirts u.s.w. Man kann das demonstrieren. Und dieses Großereignis bleibt dann nicht nur einfach eine Massengeschichte. Das habe ich in Paris selbst so erlebt, sondern es ermöglicht in den kleineren Kreisen, bei den Katechesen und bei den Kleingruppen und bei der Erfahrung der Gastfamilien, und bei dem Erlebnis der französischen Kirche, dass man sich über Dinge unterhält, über die man sich zu Hause vielleicht nicht unterhalten würde, weil eben ganz andere Fragestellungen an einen herangetragen werden. Einmal die weltweite Frage in der Buntheit des Glaubens, aber eben auch Fragen, die man vielleicht mit dem Nachbarn, den man schon sehr lange gut kennt und bestimmte Vorurteile hat, so auch nicht immer bespricht. Und es ermöglicht, dass Gruppen unterschiedlichster Coleur zusammenkommen, die wir hier in Deutschland, das weiß ich von der Jugendkommission, oft nur sehr schwer zusammenkriegen. Da sind die unterschiedlichen Gruppen der BDKJ, geistliche Gemeinschaften und die Gruppe, die sich „Jugend 2000“ nennt, verschiedenen Gruppierungen also.

Solche Ereignisse geben die Möglichkeit Glauben auch in Liedern und Gesten kreativ, emotional und körperlich auszudrücken, eben auch in anderen liturgischen Formen sich zu äußern. Und sie haben natürlich auch die Struktur von Angebot und Nachfrage. Eine solche Veranstaltung wird angeboten, wird von anderen organisiert, ich kann mitmachen, wenn ich will, ich kann auch wieder gehen, wann ich will. Also dieses etwas Wählende und Konsumierende ist natürlich ein ganzes Stück darin, und die Teilnahme ist begrenzt und überschaubar. Deshalb kann Kirche natürlich nicht von solchen Events leben und Jugend nicht einfach so über solche Ereignisse – sozusagen – wieder für sich vereinnahmen, sondern es muß zwischendurch solche Punkte geben, die aber dann auch ein Netzwerk im Alltag bilden, so dass Kirche zu einem Ort des Engagements werden muß. Der Lebensstil des solidarischen Individualismus bei Jugendlichen bringt, dass es durchaus eine hohe Akzeptanz diakonischen und sozialen Handelns in der Kirche gibt und dass man in dieser Hinsicht sehr hohe Erwartungen an die Kirche hat. Also, man ist durchaus bereit, wenn auch nicht für lange Zeit oder für immer, sich zu engagieren und sich einzusetzen. Das Zugehörigkeitsgefühl ist durchaus engagementförderlich. Oder nehmen wir unsere Pfarr- und Gemeindegruppen als Beispiel. Trotz vieler Unkenrufe sind diese Gruppen immer noch wesentliche Träger des Engagements Jugendlicher. Sie greifen zum einen Aktionen von Verbänden oder Pfarrgemeinden auf und bringen diese mit eigenen Inhalten, Problemen und Betroffenheiten in Verbindung. Oder Gruppen, die sich für Einzelaktionen bilden, wenn wir etwa an Dreikönigsingen denken, was das für ein wichtiger Faktor geworden ist, oder eine gewisse Bewegungsarbeit, oder wie zu unterschiedlichen Einzelaktionen Leute sich angesprochen fühlen. Dann auch die offene Jugendarbeit, wo sich einfach Leute einfinden können, gehört wichtig dazu.

Ich denke, dass in diesem Zusammenhang natürlich auch mitspielt, was ich als Bischof ständig gefragt werde: „Macht Ihnen Ihr Beruf denn auch immer Spaß?

Das Wort „Spaß“ spielt in der ganzen Geschichte eine große Rolle. Wenn das Ganze immer nur sehr düster und eng und sehr problembezogen ist, möchte ich mal so sagen, so sehr wir auch immer wieder Dinge hinterfragen müssen, dann macht es eben keinen Spaß mehr. Und warum darf sich nicht auch Kirche mit diesem Wort verbinden. Ich wäre froh, wenn auch manches davon in unseren gottesdienstlichen Formen etwas rüberkäme. Dass eine Liturgie oder ein Gottesdienst sich entwickelt, in denen Jugendliche das „Ihre“ einbringen können, aber dennoch nicht einfach zu einer Feier der Menschen wird, sondern das gespürt wird: Gott ist bei uns, er ist in unserer Mitte. Dass man bemüht ist, immer wieder danach zu suchen.

Nun habe ich schon fast eine Stunde gesprochen. Ich möchte aber dennoch noch einige Aspekte anfügen, wenn Sie erlauben. Einmal wie wir selber im Bistum damit umgehen, und wo ich auch noch Punkte sehe für Konsequenzen, die wir aus all dem ziehen sollten. Ich erfahre unser Jugendforum als einen Faden durch diese beiden Jahre, die ich jetzt mit den unterschiedlichen Veranstaltungen erlebt habe. Da ist nicht einfach ein Ertrag, ein Ergebnis am Ende in einem Papier oder in einem Buch. Aber die Begegnungen und unterschiedlichen Ereignisse haben mich doch auch ein ganzes Stück ermutigt. Und es muß solche kleineren Events eben im Bistum immer wieder geben. Ich denke da z.B. an den Brief. Natürlich wird man sich mit vielen Punkten dieses Jugendbriefes auseinandersetzen, wird vielleicht sich nicht verstanden fühlen oder wird auch vielleicht gar nicht akzeptieren, was der Bischof alles von sich und seiner Auffassung vom Glauben sagt.

Natürlich findet es auch eine Grenze dort, wo jemand sagt: „Wenn Sie mit der Bibel kommen, brauchen Sie gar nicht mehr mit mir reden“. Dann kann ich natürlich auch mit meinem Jugendbrief nicht weit kommen, weil ich eben aus dem lebe, was das Evangelium und die Bibel mir mitteilen. Oder wenn ich an die Jugendvespern im Dom in Osnabrück denke, die durchaus eine Form sind, bei der junge Leute sich in sehr einfachen, schlichten Formen einfinden, gar nicht mit großem Bohei und Drumherum. Oder wenn ich an die Faxnacht denke, es sind fast fünfhundert Fragen gestellt worden, wovon bei weitem noch nicht alle beantwortet sind, muß ich hier noch mal wieder betonen, weil das in der Nacht gar nicht möglich war. Ich habe sieben Stunden geschrieben und weit über hundert, ich glaube hundertdreißig bis hundertvierzig Briefe beantwortet – mit manchmal zehn Fragen in einem Brief – und ich habe noch über sechzig zu Hause liegen. Da muß man erst Erfahrungen sammeln und in der Zukunft mit etwas weniger Gruppen arbeiten. Aber es ist sehr gut, dass diese Gruppen untereinander über Antworten ins Gespräch gekommen sind, sich auseinandergesetzt haben, mit anderen Gruppen gefaxt haben, so dass in dieser Nacht ein großes Beziehungsgeflecht über alle möglichen Fragen an die Kirche gelaufen sind. Und es war eine Fragestellung quer durch den Garten, also zu allen möglichen Dingen zu meiner Person, zu Glaubensfragen, zu Fragen an die Kirche. Natürlich auch die immer wiederkehrenden Fragen, aber auch nicht nur die, sondern wirklich in voller Breite. Und das hat mich persönlich sehr gefreut. Viele persönliche Kontakte sind entstanden, und über das Ereignis in Paris habe ich gerade schon gesprochen.

Andere wichtige Zusammenhänge sind eben, und das möchte ich ganz deutlich an dieser Stelle sagen, der Religionsunterricht in der Schule. Wir dürfen uns nicht gefallen lassen, dass dieser Religionsunterricht immer mehr an die Seite gedrängt wird, denn hier ist ein Feld der Werteorientierung, ein „Mehr“ an Orientierung, als in all den sonst mehr leistungsbezogenen Fächern, Hier werden Schülerinnen und Schüler wirklich auch auf eine Weise angesprochen, die noch einmal ganz andere Seiten zum Schwingen bringen. Eine andere, sicher sehr schwierige Angelegenheit ist, noch nach einer neuen Sprache zu suchen, um die Sprache unseres Glaubens offener zu machen, einladender zu machen. Nicht sich einfach auf das Niveau einer Gassensprache, ich glaube, dass das auch kein Jugendlicher will, darum geht’s gar nicht, sondern in einer verständlichen und natürlich auch glaubwürdigen Sprache zu sprechen. Ein Austausch darüber einzuüben, was uns denn wichtig und heilig ist.

Ich habe in dem Jugendbrief geschrieben, dass es sehr unterschiedliche Dinge sein können. Die Frage der Musik habe ich eben schon angesprochen. Das es ein personales Angebot bleiben muß, dass die Personen wichtiger sind als Programme. Dass Glaubwürdigkeit gefragt ist, das hab’ ich eben schon angesprochen, dass es eigentlich darum gehen muß, dass Menschen spüren, wir haben an „Dir“ Interesse. Interesse heißt: dazwischen sein, dazwischen bleiben. Und ich bemühe mich soweit wie möglich, auch in meinem Amt, zwischen den Menschen zu bleiben, und ich merke, wie viele Menschen das positiv akzeptieren, aber auch wie viele Menschen es jeden Tag in der Gemeinde auch tun. Es geht darum, Raum zu geben, Raum zu geben im äußeren Sinn, dass es auch Räume für junge Menschen gibt, aber auch jungen Menschen in den Gemeinden, Raum zu geben.

Manchmal werde ich dann bei den Visitationen gefragt: „Wie soll das denn mit der Jugend gehen und wer soll sich darum kümmern?“ Es wird oft gar nicht zur eigenen Frage der gesamten Pastoral, dass jeder Einzelne auch damit beteiligt ist, dass man die Jugend nicht einfach Spezialisten überläßt, sondern dass das etwas mit der ganzen Gemeinde zu tun hat und dass die Jugend nicht einfach die Zukunft der Gemeinde ist, die man ja nun braucht, damit es weitergeht. Damit benutzt man sie schon wieder ein Stück. Sie ist Gegenwart der Gemeinde, sie sind jetzt und hier, Mitlebende in dieser Gemeinde. Es geht um eine Wertediskussion, nicht so sehr um eine Wertevermittlung nach dem Motto „Ich habe einen Wert, den dräng ich Dir auf“, sondern wir unterhalten uns darüber, was uns wichtig ist. Und ich denke, wenn wir bei den vielen und schwierigen Normen der Kirche dahinterschauen, was sie denn eigentlich schützen sollen an Treue, an Verläßlichkeit, an Echtheit, dann würde man auf Werte kommen, die auch jungen Menschen durchaus nicht fremd sind.

Die Identität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst ist wichtig – ob Lehrer, Priester oder Gemeindereferentin. Dass man selber in ganz selbstverständlicher Treue Dinge tut. Das beeindruckt ja durchaus, wenn einer mit sich identisch ist, man muß nicht mit allem einverstanden sein, was der andere so tut, aber man muß spüren, der steht dahinter. Er ist es selbst.

Es geht zudem um die Notwendigkeit zu mehr Kooperation in der Jugendarbeit, aber auch zwischen Gemeinde, Schule und Eltern, das alles fällt immer mehr auseinander. Wir haben in vielen Gesprächen mit Religionslehrern darüber nachgedacht.

Auch in der Berufungspastoral, wo es um kirchliche und geistliche Berufe geht, müssen wir sehr stark bei den berufssuchenden jungen Menschen ansetzen. Viele suchen ja oft noch den Beruf. Die Suche des Berufes ist eine der wichtigsten Fragen. Ihnen dabei Hilfestellung zu geben, läßt auch vielleicht Berufung unterschiedlichster Art in der Kirche entwickeln. Und warum gibt es geistliche Gemeinschaften, warum gibt es kleinere Einheiten in der Kirche, in die eben die jungen Menschen sich aufgehobener fühlen, klarer orientiert fühlen, weil doch die Großinstitutionen dieses Vertrauen nicht mehr auf sich ziehen.

Ich möchte sagen, dass es – ich habe das in der letzten Zeit öfter angeführt und werde das in vielen Zusammenhängen sicher noch viel öfter tun – dass es eigentlich sechs Aufbruchbewegungn geben müßte:
Den Aufbruch zum Wesentlichen, das heißt, wir haben vom Kern des Glaubens auszugehen, von unserem Glauben an den größeren Gott. Dieser Gott gibt den Menschen Sinn, durch Jesus Christus und in der Gemeinschaft des Hl. Geistes, nicht mit all den Zerfaserungen und all den verschiedenen Sätzen, sondern in diesem Kern.

Dann wäre Aufbruch zum Existenziellen, zum Persönlichen. Es glaubt uns keiner, wenn wir nur Sätze mitteilen, sondern wenn wir nicht persönlich davon überzeugt und angesprochen sind, wenn junge Leute nicht spüren, dass wir selber davon befeuert sind.

Dann den Aufbruch zum Miteinander. Gemeinschaft ist eines der wichtigsten Worte, die immer wieder genannt werden. Warum fühlen wir uns da in Paris wohl?
Weil wir hier Gemeinschaft erfahren, den Aufbruch ins Ganze. Wider die Segmentierung und Einteilung der Wirklichkeit in ein Ganzes wieder hinein. Die Kirche ist eine der wenigen Institutionen, die die ganze Aufteilung der Wirklichkeit wieder in einen Zusammenhang bringen kann. Einen roten Faden dem Leben geben kann.

Dann Aufbruch ins Vertrauen, ins „Ja“! Nicht immer gleich mißtrauisch draufzuzugehen, sondern positiv und bejahend, nicht immer in der nächsten Ecke, sozusagen, schon gleich den Teufel zu spüren, der aus all diesen bösen Entwicklungen uns entgegenkommt, sondern Gott liebt diese Zeit, diese Situation in der wir leben genauso, wie alle Zeiten in der Kirchengeschichte.

Und der Aufbruch zur Diakonie, das heißt also zur absichtslosen Hinwendung zum Menschen. Nicht die Hinwendung zum Menschen, um ihn für mich zu vereinnahmen, sondern ihm wirklich beizustehen, in der Not. So wie der barmherzige Samariter es getan hat, als der Priester und der Levit das Wichtigere zu tun hatten.

Diese sechs Punkte sind mir wichtig für unsere gesamte Pastoral, und ich denke, sie haben auch etwas mit unserer Jugendpastoral zu tun. Nicht zuletzt ist Jesus selbst unser bester Pädagoge in der Hinsicht.

Sie wissen, dass das Thema des Jugendtreffens war: „Kommt und seht“ und dieser kleine Dialog im ersten Kapitel des Johannesevangeliums ist es eigentlich. Jesus dreht sich um und fragt: „Was sucht Ihr denn eigentlich?“ Er fragt erst mal: „Was sucht Ihr denn eigentlich?“ „Was wollt Ihr denn?“ „Was ist eigentlich in Euch Euer Innerstes?“ Nicht die vordergründigsten Bedürfnisse, sondern die eigentliche Sehnsucht. Und sie antworten, weil sie das gar nicht so genau ausdrücken können: „Meister, wo wohnst Du denn eigentlich?“ Das heißt, sie wollen nicht eine Lehre, sondern sie wollen ein Leben, sie wollen eine Person, sie wollen gucken, wo er wohnt, woraus er lebt. Und dann sagt er: „Kommt und seht.“ Das heißt allerdings, man kann nicht in der Zuschauerposition bleiben, sondern man muß dann schon mitgehen. Aber dieser kleine Dialog ist ein Urdialog, der eigentlich zwischen Kirche und Jugend ständig geschehen ist.

Jetzt bin ich am Ende meiner langen Ausführungen, ich habe vieles sicher nicht gesagt, was Sie noch im einzelnen vielleicht erwartet hätten, aber dafür bleibt ja dann noch die ganze Stunde für Fragen. Ich habe Ihnen keine Rezepte und Methoden geben können, wie man das denn heute alles lösen kann, die haben auch die besten Pädagogen nicht. Aber ich lasse mich von dem Ziel leiten, welches in dem kleinen Satz von de Saint-Exupèry steckt, den Sie alle kennen, denn es geht letztlich nicht allein um die Methoden! „Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommele nicht nur Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, um Werkzeuge herzustellen, um Aufgaben zu verteilen, die Arbeit einzuteilen, sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Und ich bin davon überzeugt, meine Lieben, dass diese Sehnsucht nach dem endlosen Meer, das darf man auch wohl mal mit „h“ schreiben, in jeder Jugend und in jeder Generation zu wecken ist. Davon bin ich voll überzeugt.

Dankeschön!

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